Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

für das Winterheft haben wir einen Schwerpunkt zusammengestellt, der die Zwangsaussiedlung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema hat. Die Beiträge von Zeitzeugen wie Erika Áts und Stefan Raile sind geprägt von konkreten Erinnerungsbildern, Landschaften und Kindheitserfahrungen. Alfred Manz und Claus Klotz reflektieren Herkunft und Identität aus einer späteren Generation heraus und machen Sprache selbst zum Erinnerungsraum. Christina Arnold, Angela Korb und Diana Feuerbach schreiben aus einer Position, in der familiäre Überlieferung und persönliche Gegenwart ineinandergreifen. Gemeinsam ist den Texten die Suche nach Zugehörigkeit, wie sie Edith Ottschofski auch für den rumänischen Hintergrund in einem Gedicht formuliert: »heute / stehe ich, zeitweilige verseklempnerin / vor einer stadtvilla in temeswar / wo vormals / unser haus ragte / und die lücke im kopf / verbleibt auf dem papier«.

Einen Beitrag zum Rilke- wie auch zum Hauptmann-Jahr 2026 leistet Bertram Reinecke mit dem »sogenannten Agnetendorfer Kommentar«. In einem fiktiven Brief des narzisstischen Nobelpreisträgers an den Dichter von »Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens« nimmt der Leipziger Autor, der 2024 als Stipendiat einige Zeit in Gerhart Hauptmanns Villa im Riesengebirge lebte, die beiden Jubilare auf die Schippe und würdigt sie gleichermaßen.

Die lyrischen Beiträge kommen unter anderem von Axel Görlach, der »im grenzland« und mit einer »an der geschwindigkeit / uhrbar gemachter zeit« verschlissenen Jacke unterwegs ist, von Dana Ranga und Ralf Gnosa. Chris Lauers Gedichte daten mit Männern, einer schöner als der andere. Bei Zoltán Lesi spielen ein Krokodil, ein Nilpferd und ein durchgestrichener Hamster eine gewisse Rolle. Auch in Annelies Verbekes Erzählung verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Tier: »So ungefähr alles daran, ein Esel zu sein, ist großartig.« Zusammen mit der vielseitigen Prosa- und Theaterautorin stellen wir im Rahmen unseres kleinen Flandern-Dossiers die Lyrik von Hilde Keteleer vor, die als Übersetzerin und Dichterin nahe Antwerpen lebt.

Über seine künstlerische Arbeit sagt der aus Sibirien stammende und nach seiner Ausbildung in Dresden inzwischen in Hamburg beheimatete Andrey Klassen: »Mir geht es um das Licht. Wenn es bricht, dann ergeben sich die Farben – wie bei Isaac Newtons Farbprisma im dunklen Raum. Ich brauche solche Effekte nicht unbedingt. Menschen, die farbig denken können und nicht in Schwarz-Weiß, sehen die Farben durch das Licht und den Schatten.«

In eigener Sache: Ab dem Jahrgang 2026 wird OSTRAGEHEGE mit einem größeren Heftumfang von etwa 100 Seiten, dafür allerdings nur noch dreimal pro Jahr erscheinen. Der Preis für das Einzelheft steigt dadurch auf 8,90 €, der Abo-Preis ändert sich nicht.

Die Redaktion