æ und ὰεί
Ragnar Helgi Ólafsson

Wenn es im Isländischen weh tut, sagt man »æ«.
Das ist ein heimtückischer Buchstabe, denn er enthält drei Buchstaben,
obwohl nur zwei zu sehen sind : a-e-i.
Die alten Griechen hatten kein »æ«, also mussten sie, wenn sie solche
Laute aufzeichnen wollten, ihn so schreiben, wie er klang : »ὰεί«.

Das merkwürdige am Schmerz ist (egal in welcher Sprache,
nehme ich an), dass es, wenn er vorbei ist, so ist, als
hätte es ihn nie gegeben. Er wird sofort theoretisch,
wie eine Wortartenanalyse oder Überlegungen
zu nicht einzuordnenden Wörtern. Doch oft ist es so,
solange er dauert – in der Mitte eines isländischen »æ« -i –,
als würde er nie aufhören zu existieren. Diese Tatsache
verursacht wahrscheinlich einen großen, wenn nicht
den größten Teil des Schmerzes.

Aber genau dies ist die griechische Deutung dieser einmaligen
isländischen Klage : »ὰεί« ; ad. immer, ewig, für immer und ewig.



Aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.
Vorveröffentlicht aus dem Band »Laus blöð / Lose Blätter«, Elif Verlag 2023.