Kein anderes Symbol ist so verständlich und zugleich unverständlich wie der Kreis. Er kann eine einfache, funktionale Form sein oder als ein Fenster ins Transzendente verstanden werden. Die Mathematik definiert ihn als ein ideales Konstrukt, betrachtet man ihn kontextübergreifend, reiht sich ein Gegensatz an den anderen.
Im künstlerischen Schaffen von Katrin Süss steht die Kreisform im Zentrum. Zuvorderst ist sie Zeichnerin, Grafikerin. Ihre Gestaltungsideen realisiert sie aber in vollkommener Selbstverständlichkeit ebenso in den Gattungen der Malerei und Skulptur, Typografie und Collage sind ihr ebenso vertraut wie Performance und Objektkunst. Erst die Kunst gibt unseren Gedanken und Gefühlen ein Volumen, einen Körper.
In Dresden geboren, teilt Katrin Süss ihr Schicksal mit bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern, die in und durch Dresden reiche kreative Anregung erfahren haben, aber vor allem anderenorts berühmt und bekannt geworden sind. Wesentliche künstlerische Inspirationen empfing sie durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk des Dresdner Malers und Graphikers Eberhard Göschel. Ihre künstlerischen Arbeiten aber entfalten heute ihre Wirkungen weit über Dresden hinaus, bedeutende Werkgruppen wurden international präsentiert – in New York, Washington, Spanien, Südtirol, Österreich und an zahlreichen Orten in Deutschland.
Eine Vielzahl von interpretativen Perspektiven können mit der Kreisform verbunden werden oder gehen davon aus. Die Interpretation des Kreises im Kontext der Kunst gestattet einen ersten Blick. In der Geschichte der Kunst finden sich zahlreiche Künstler und Architekten, die sich mit der Faszination der geometrischen Grundformen – Rechteck, Dreieck, Kreis – auseinandergesetzt haben. Bekannte Beispiele sind das antike Pantheon – dessen Grundriss ein Kreis und die Kuppel eine Halbkugel darstellt, deren Durchmesser genau den Fußboden berührt – ebenso wie die französische Revolutionsarchitektur aus dem 18. Jahrhundert. Etienne-Louis Boullée und Claude-Nicolas Ledoux entwarfen utopische Kugel-Architekturen. Die großen Fensterrosen der französischen Kathedralen sind Kreise.
In der Malerei drängt sich zuerst das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch in die Erinnerung. Dann natürlich die Bauhauskünstler, die aus den geometrischen Grundelementen ganze Gestaltungslehren entwickelten und dem neuen Leben im 20. Jahrhundert eine adäquate Form geben wollten – hier sei an Oskar Schlemmers Triadisches Ballett erinnert.
In Dresden arbeiteten die Künstler Hermann Glöckner, Manfred Luther und Wilhelm Müller – in deren Werken sich intensive Auseinandersetzungen mit dem Motiv des Kreises finden. Einer der bedeutenden Vertreter der konkret-konstruktiven Kunst kommt ebenso aus Dresden – Karl-Heinz Adler.
In dieser Tradition stehen die Kreise von Katrin Süss. Aber gehören sie damit zu den bedeutenden Beispielen der konkret-konstruktiven Kunst? Keineswegs! Und das ist der bedeutsame Unterschied. Das gestalterische Interesse der Künstlerin richtet sich nicht auf die Auseinandersetzung mit den geometrischen Grundformen, sondern liegt in der Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kreisform, bis hin zu ihrem Symbolgehalt. Die Qualitäten und Eigenschaften, die mit ihr verbunden werden, sind: Totalität, Ganzheit, Gleichzeitigkeit, ursprüngliche Vollkommenheit, das Unendliche, Ewigkeit, das Insichgeschlossene – das Runde ist als die natürlichste Form in vielen Kulturen heilig. Weiter verbindet sich mit der Vorstellung des Umlaufenden und Sphärischen die Aufhebung von Raum und Zeit, aber auch der Gedanke an Wiederkehr.
Doch wieso verknüpfen sich all diese Bedeutungen, Hoffnungen, Emotionen ausgerechnet mit dem Kreis? Hier hilft die abstrakte, die theoretische Beschreibung der Kreisform weiter: Kreis – Bezeichnung für die geschlossene Linie konstanter Krümmung. Die Kreislinie ist der geometrische Ort für alle Punkte, die von einem festen Punkt gleichen Abstand haben. Kreis – Fläche mit dem geringsten Umfang. In Substantive übertragen lautet es dann: Geschlossenheit, Konstanz, Einheit, Stabilität. Angesichts des Runden empfinden wir eine ursprüngliche Vollkommenheit. Und diese Vollkommenheit der Form steht im Kontrast zu einer Zersplitterung und Zerrissenheit der je eigenen Erfahrung von Welt und Gegenwart. In diesem Spannungsfeld liegt ein zentrales ästhetisches Thema der Künstlerin. Beim Betrachten ihrer Werke lässt sich vergegenwärtigen, dass in Momenten individueller Ausweglosigkeit, in Zeiten von Krisen und Konflikten – das Stabile, das Harmonische als Erfahrungsschatz der Menschheit immer und immer wieder zur Verfügung steht.
Im Werk der Künstlerin gibt es Arbeiten zu entdecken, in denen Quadrat und Kreis gemeinsam zu sehen sind. In vielen alten Kulturen gehören Quadrat und Kreis zusammen, sie bilden ein kosmologisches Weltbild. Zusammen sind sie ein Bild der Integration von Bewegung und Statik, von Nomaden und sesshaften Menschen. Die Quadratur des Kreises bedeutet die Transformation des Himmlischen in das Irdische hinein. In unserer Alltagssprache ist von der Quadratur des Kreises nur die Unmöglichkeit einer Bemühung geblieben.
Eine wichtige Werkgruppe sind Kreise, auf denen Schriftzeichen zu sehen sind, oder zumindest Zeichen, die auch Schrift sein könnten. Oder kleine Sandsteinzylinder, in die ein Buchstabe eingemeißelt ist, und je nachdem, wie Sie den Zylinder drehen, ist ein kleines »m«, oder ein »w« zu sehen, oder es kann auch das kyrillische »щ« sein.
In diesen Arbeiten eröffnet die Künstlerin einen weiteren universellen Deutungsraum. Denn Schrift ist auch Nachricht, bis hin zur Botschaft – reicht von kleinen Belanglosigkeiten bis hin zum Existenziellen. Wir finden eine Botschaft, können aber die Schriftzeichen nicht entschlüsseln, d. h. wir könnten vor dem Schlüssel zum Glück stehen, ohne die Nachricht lesen zu können. Oder aber wir lesen den Schriftzug, schlagen aber die Botschaft, die er enthält, in den Wind.
Wichtig im Arbeitsprozess ist die Wahl des Materials, ist der Wechsel des Materials, den die Künstlerin bewusst in der Arbeit mit den Kreisen vollzieht. Viele Kreise sind aus Pappe gefertigt, teilweise mit Papier oder Papiermaché weiter bearbeitet. Also aus einfachen und vergänglichen Materialien. Die Einfachheit des Materials tritt hier hinter die Kraft der Kreisform zurück. Oder aber, wenn das Papier ansichtig bleibt und gestalterisch »mitspricht«, verstärkt es die Wirkung von Verletzlichkeit und Fragilität. Und plötzlich gibt es Kreise, die aus Stein geformt sind oder gar in Eisen gegossen und so einen komplizierten Herstellungsprozess hinter sich haben.
Hier ist es spannend nachzuspüren, wie allein der Wechsel des Materials die Wirkung der Kreise verändert. Aus Stein geformt oder in Eisen gegossen, werden diese Kreise plötzlich zu dauerhaften Überlieferungen, zu Botschaften, die explizit Wesentliches oder gar Existenzielles enthalten müssen. Ich erinnere an die Himmelscheibe von Nebra, oder an die sogenannte »Golden Record«: Eine vergoldete Kupferplatte, die am 5. September 1977 mit Voyager 1 in das Universum gestartet ist und als Botschaften der Menschen Zeichnungen und Klänge der Erde enthält. Im August 2012 hat Voyager 1 unser Sonnensystem verlassen und durchfliegt jetzt den interstellaren Raum – einen vergoldeten Kreis an Bord.
Und hier schließt sich der Kreis wieder zur Kunst. Die Werke der Künstler begleiten uns durch die Welt. Mehr noch: Sie helfen, uns ein Bild davon zu machen, was es heißt, in ihr zu leben.
