Die isländische Schriftstellerin Ásta Sigurðardóttir (1930–1971) dürfte hierzulande nur den Allerwenigsten bekannt sein. Als sogenanntes »Mädchen vom Land« wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen auf, holte Schule und Abitur in Reykjavík nach, vollendete eine Lehrerausbildung, verdingte sich aufgrund finanzieller Probleme indes auch als Aktmodell, wurde mehrfach schwanger und verfiel schließlich dem Alkohol. Viel Tristesse also für ein so kurzes Leben, ein Umstand, der sich auch in den vorliegenden dreizehn Erzählungen hinreichend spiegelt. Nur im ersten Moment mögen sie etwas schlicht erscheinen, tatsächlich entwickeln alle einen subtilen poetischen Sog. Fast durchgängig präsentieren sich vereinsamte Kreaturen, die in ihrem Erscheinungsbild auch das sozial reduzierte Inselleben ein Stück weit mitspiegeln. Von romantischer Beschönigung kann jedenfalls keine Rede sein.
Man nehme »Die Straße im Regen«, ein leises Capriccio mit dem Auftritt eines verschrobenen Typen, wie einem Film Aki Kaurismäkis entsprungen. Zunächst sehen wir eine junge, verwahrlost erscheinende Frau, die durch die Stadt irrt und nun an ihn, einen »Säufer«, gerät; der setzt sich zu ihr auf eine Bank, reicht ihr eine Zigarette, bittet sie aber postwendend um Geld – das sie nicht hat, was sie zerknirscht eingestehen muss; ja, sie schämt sich sogar, »dass sie für diesen großzügigen Mann nicht einmal einen Fünfer übrig hatte«. Und so hadert sie, kämpft sie mit ihren Skrupeln und ihrer ganzen Minderwertigkeit. Man mag hier (und auch anderswo in den Erzählungen) an einzelne Geschichten Emmanuel Boves erinnert sein, an diese traurigen Leidensathleten, die so wenig auf die Reihe bekommen, gleichzeitig aber stilvoll vor sich hin greinen; bei Sigurðardóttir heißt es da in einem ähnlichen Tonfall: »Wie tragisch, dass alle gut zu mir sein wollten, wenn ich es gar nicht brauchte.«
Auffällig türmen sich harmlose Irritationen des Alltags zu einem ganzen Konfliktgebirge – wie in der Titelgeschichte, wo sich eine Frau mit einem (nur für sie) existentiellen Problem konfrontiert sieht: Sie hat kein einziges Streichholz mehr für ihre Zigaretten, das Kiosk hat zu, der Toaster zu Hause ist defekt, die Herdplatte kommt nicht in Frage. Um an Feuer zu gelangen, versucht sie, auf der Straße ein Auto anzuhalten – doch alle, darunter die Polizei, fahren einfach weiter. Endlich hält jemand an. Eine elegante, indes höchst undurchsichtige Frau, vermutlich auf Drogen, beschimpft die Anhalterin, nachdem diese ihre Avancen, bei ihr einzusteigen, abgelehnt hat: Sie wolle in Wahrheit gar keine Streichhölzer, behauptet sie, sondern sei nur auf einen Mann aus, »Nichts als Geilheit!«, poltert sie, ohrfeigt sie noch und fährt davon.
Oftmals scheitern vulnerable Frauen, die überdies häufig schwanger (wie in: »In welchem Wagen«, »Königslilien«) und/oder einem männlichen Sadismus ausgesetzt sind (wie in: »Der Traum«, »Eine Tiergeschichte«) an ihren minimalsten Eigenansprüchen; zudem setzt eine unwirtliche Natur allen gleich zu (»Lammzeit«, »Frostregen«). Selbst eine jähe, fast schon verzweifelt erscheinende Gottesfürchtigkeit verspricht keinen Trost, mag die Hauptfigur ihr Schicksal noch so sehr an eine höhere Macht gebunden haben. Doch umsonst, von »dort oben« ist keine Hilfe zu erwarten. Andererseits gilt: Nur willfähriges Opfer sein, das wollen Sigurðardóttirs Antiheldinnen auch nicht. Was ihnen letztlich bleibt, ist der trotzige Rest ihrer Authentizität.
Ásta Sigurðardóttir: »Streichhölzer«, Erzählungen, aus dem Isländischen von Tina Flecken, Nachwort von Dagný Kristjánsdóttir, Guggolz Verlag, Berlin 2025, 220 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-945370-48-3.
