Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Herbstheft 2025 von OSTRAGEHEGE verbindet das Anschauliche mit dem Magischen und dem Abstrakten. Im Vordergrund stehen sieben Erzählungen aus der Slowakei. Das seit den 1980er Jahren wieder populäre Genre wird von den dortigen Literaturwettbewerben und Verlagen regelmäßig gewürdigt. Die Übersetzerin Stefanie Bose hat mit ihren Kolleginnen Zuzana Finger, Marie-Theres Cermann und Ines Sebesta ein Dossier zusammengestellt, in dem fünf slowakische Autorinnen und zwei Autoren zu Wort kommen. Da geht es etwa um die ›verhexte‹ Eliška in einem kleinen Dorf (Dominika Moravčíková), um eine Stadt, die sich plötzlich anbrüllt (Jana Varcholová), oder es stellen sich seltsame Gäste ein im Monat der Geister (Dominika Sakmárová). Da ist die Vision einer unterirdischen Zukunft (Jakub Juhás) oder eine Miniatur über den sowjetischen Einmarsch 1968 (Jana Bodnárová). Was widerfährt Klimo aus dem Plattenbauviertel Petržalka (Richard Pupala), und was macht ein Seitensprung aus dem perfekt designten Ehemann (Jana Micenková)?

Im Interview mit Michael Ernst gibt Christoph Hein Auskunft über seinen neuen Roman »Das Narrenschiff« und die eigene künstlerische Vita. »Ich wollte diese Zeit schon möglichst umfassend darstellen, quasi in Form einer Chronik«, kommentiert der Autor sein »Alterswerk« und berichtet von Bach-Novellen und dem neuen Libretto für György Kurtág. Eine charmante Form des Selbstzitats entdeckt Zsuzsanna Gahse in ihrer Figur des Rothaarigen, der unmögliche Rechenaufgaben löst. »Der Rothaarmann ist mein Hitchcock« – und zugleich ein ganz kurzer Gang durch acht ihrer Werke.

Elza Javakhishvilis »Abstrakte Texte“ in der Rubrik »Lagebesprechung« scheinen von einer Konkreten Poesie herzukommen, die »auf den losgelösten Inhalt der Gedanken« verweist. »Ich streite mit der Sprache, damit ich die Grenze der Sprache überschreite«, sagt die georgisch-deutsche Autorin über ihr Werk. Felix Schiller sieht in ihrer Lyrik »eine Art Philosophie mit poetischen Mitteln« am Werk, die »die Sprache nicht als Ausdruck von Gedanken gebraucht, sondern selbst aus dieser Sprache erwächst«.

Schrift als Spiel mit Bedeutung und das Nachdenken über die absolute Form findet sich auch in der Kunst von Katrin Süss. »Beim Betrachten ihrer Werke lässt sich vergegenwärtigen, dass in Momenten individueller Ausweglosigkeit, in Zeiten von Krisen und Konflikten – das Stabile, das Harmonische als Erfahrungsschatz der Menschheit immer und immer wieder zur Verfügung steht«, schreibt Gisbert Porstmann über die Quadratur des Kreises bei der Dresdner Künstlerin. Wir wünschen eine anschauliche Lektüre!

Die Redaktion