Editorial

Marcel Beyer eröffnet mit seinem Gedicht »Was meine Feinde singen« die neue Ausgabe von OSTRAGEHEGE: »Ich / bin das Lied, ich bin der Laut, / der Halt, kann sein, ich bin sogar die / Unannehmlichkeit, die meine / Feinde zischen, und ja, ich zappele, / zu ihrer Überraschung immer / lächelnd, irgendwo dazwischen und / weiß zugleich, wer Fliegen fangen / will, darf keine Eile zeigen.« Mit seinen neuen Gedichten bestätigt Beyer eindrücklich das Votum der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Georg-Büchner-Preis 2016), die seine Texte als »kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich« pries.

Darüber hinaus hat die Redaktion für dieses neue Heft Übertragungen der modernen Klassiker Robert Desnos (Una Pfau) und John Gould Fletcher (Klaus Bonn) sowie aktuelle Gedichte von Eberhard Häfner, Faruk Šehić, Lütfiye Güzel und Dennis Bechtel gesammelt, die entdeckt werden wollen.

Paul-Henri Campbell übernimmt als neuer Gastredakteur die Rubrik Lagebesprechung und stellt in der ersten Folge die Lyrikerin Natascha Huber vor. Er zählt sie »zu den Dichtern und Dichterinnen des Ausbruchs und der Befreiung«, weil in ihren Texten »ein Staunen über die Möglichkeit des eigenen Gedichts immer frisch und unverstellt aufleuchtet.«

Am 5. Februar 2020 hat der tschechische Autor Jaroslav Rudiš für seinen auf Deutsch verfassten Roman »Winterbergs letzte Reise« den Chamisso-Preis/Hellerau 2019 erhalten. Wir dokumentieren die Preisvergabe hier im Heft. Rudiš, dessen vorherige fünf Romane in deutscher Übersetzung vorliegen, wird von seinen Rezensenten für den »alltagsnahen Stil und den erfrischend neugierigen und unverbrauchten Blick« auf Gegenwart und Geschichte geschätzt. »Winterbergs letzte Reise« erzählt von einem 99-jährigen Deutschen und seinem tschechischen Pfleger, die, ausgerüstet mit dem »Baedeker Österreich-Ungarn« von 1913, auf einer langen Zugfahrt in die mitteleuropäische Geschichte eintauchen. Im Gespräch mit Axel Helbig sagt Rudiš: »Mir ist klar, dass man Böhmen als Ganzes nur verstehen kann, wenn man die deutsche und jüdische Vergangenheit mitdenkt. Die historischen Zusammenhänge, die die Region Böhmen prägen, sind sehr komplex und nur als mitteleuropäische Geschichte fassbar und verstehbar.«

Der Kunstteil des neuen OSTRAGEHEGE widmet sich Strawalde (Jürgen Böttcher). Gregor Kunz hat den Maler, Grafiker und Filmemacher in seinem Berliner Atelier besucht. Malerei ist Verhältnis und Klang, Rhythmus, ist wie Tanz, sagt Strawalde, ein Sinnengenuss und natürlich ein Abenteuer: »Musikalität ist mein Haupttalent, das Rhythmische … Wenn es heißt, ich wäre Filmemacher und ich wäre Maler, dann sage ich: ich bin vor allem Sänger. Das ist ein Witz, aber auch wahr.«