Editorial

Das neue OSTRAGEHEGE setzt mehrere Akzente. Mila Haugová, die große slowakische Dichterin, hat exklusiv für OSTRAGEHEGE Texte zusammengestellt, die einen repräsentativen Einblick in die gegenwärtige slowakische Literatur vermitteln. Entstanden ist – dank der Übersetzungen von Slávka Rude-Porubská und Andrea Reynolds – ein Exkurs in ein Land, von dem in Deutschland relativ selten gesprochen wird, obwohl es doch fast ein Nachbarland ist.

In dieser Ausgabe werden Texte zu »Flucht und Vertreibung« versammelt. Ulrike Draesners Text über die Flucht einer Mutter und ihrer Tochter durch die Wirren des ausgehenden Zweiten Weltkriegs erschüttert, und fasziniert zugleich als ein fulminantes Stück Literatur. Axel Dornemann, der Herausgeber der Anthologie »HEIMWEHLAND. Flucht – Vertreibung – Erinnerung«, spricht im Interview über die Arbeit an diesem Buch »über eine deutsche Wunde mit europäischer Ausstrahlung, die nach einem Dreivierteljahrhundert noch immer nicht verheilt ist.«

María Cecilia Barbetta – die aus Argentinien stammende und heute in Berlin lebende Autorin – gibt im Interview mit Axel Helbig einen Einblick in ihre Arbeit an dem in deutscher Sprache verfassten Roman »Nachtleuchten«, für den sie den Chamisso-Preis /Hellerau 2018 erhalten hat. »Die Fremdsprache«“, sagt Barbetta, »transportiert die Erfahrung einer zweiten Kultur.« Diese Transferleistung berge die Möglichkeit in sich, »dass (diese) zweite Kultur die erste reicher macht und dass sie sich beide gegenseitig befruchten.« Bei »Nachtleuchten« sei es darum gegangen, ein Buch über das Jahr 1976 zu schreiben, das Jahr vor dem Beginn der Militärdiktatur in Argentinien, und dabei über die eigenen Grenzen hinauszugehen. »Da der historische Zeitrahmen, in dem ‚Nachtleuchten’ angesiedelt ist, nicht leichtfertig angegangen werden durfte, dauerte es entsprechend lang. Ich musste mir wieder vergegenwärtigen, was meines Erachtens – vom Kontext abgesehen – Literatur ausmacht: ihr Anrecht auf die Freiheit, die Lust am Erzählen, eine ihr innewohnende Leichtigkeit, die nicht mit Leichtfertigkeit bei der Behandlung des Themas zu verwechseln ist.«

Im Heft wird die Berliner Künstlerin Paula Doepfner vorgestellt. Leszek Stalewski beschreibt in seinem Text »Unweit vom Tiber« ihre Arbeitsweise. »Paula Doepfner stützt sich mit dem linken Arm auf ihr Zeichenbrett, in der rechten Hand hält sie einen Stift. … Auf dem Brett ist ein großes Blatt Gampi-Papier befestigt. Das Papier ist so zart, dass die Unterlage des Zeichenbrettes durch die Fasern des Papiers scheint. Weiße Baumwollhandschuhe auf Doepfners Händen schützen Blatt und Tinte. Ruhig und konzentriert sitzt sie auf einem Schemel. … (und) schreibt eine Zeichnung.«

Im neuen OSTRAGEHEGE können darüber hinaus Gedichte von Jan Wagner, Timo Brandt, Gregor Kunz und Měrana Cušcyna gelesen werden. Die Schweizer Gastredakteurin Ruth Gantert stellt in der »Lagebesprechung« die Schweizer Dichterin Gaia Grandin vor. »Ich fühle mich beim Schreiben zumeist wie eine Hochstaplerin«, schreibt Grandin in einem poetologischen Text. »Aber manchmal auch wie ein Genie. / Und dann schäme ich mich. / Für all die Wutanfälle im Leben. / Wer will das lesen? denke ich dann. // Das ist der Anfang. / Eine Welt erschaffen. / Etwas sichtbar machen.«