Editorial

Die aktuelle Ausgabe des OSTRAGEHEGE kann zurecht von sich behaupten, ein vielgestaltiges Heft zu sein. In der vorliegenden Nummer kommen die Schwerpunkte, für die die Zeitschrift einsteht – also neue Lyrik und Prosa zu präsentieren, den Blick über die Landes- und Sprachgrenzen hinaus schweifen zu lassen und in Interviews den Stand aktueller kultureller Diskussionen zu umreißen – gleichermaßen zur Geltung.

Vielgestaltig ist bereits die poetische Textauswahl, die nicht nur mit Veronica Forrest-Thomson eine frühverstorbene britische Dichterin, sondern auch den Zyklus »September 1938« des bedeutenden tschechischen Lyrikers Vladimír Holan erstmals auf Deutsch vorstellt. Tom Schulz ist mit neuen Liebesgedichten vertreten, Utz Rachowski mit zwei dem polnischen Dichter Józef Czechowicz gewidmeten Texten, und dank der Vermittlung von Drago Tešević kommen auch eine Dichterin und vier Dichter aus dem heutigen Serbien zu Wort.

Die drei Prosatexte dieser Ausgabe scheint vor allem ein unauflösbares Geheimnis sowie ihr unergründlicher Humor zu verbinden. Jürgen Buchmanns Erzählung »Arnheim« entführt die Leser in ein riesiges Schloss in der französischen Provinz, Theodor Weißenborns »Wächter des Wals« demonstriert, wie sich die Obsessionen des Protagonisten gegen ihn selbst wenden können, und in Igor Schestkows »kleiner gemütlicher Welt« ist die Grenze zwischen Leben und Tod ins Rutschen gekommen.

In seiner letzten Lagebesprechung stellt Beat Mazenauer den Schweizer Lyriker und Theaterautor Raphael Urweider vor. OSTRAGEHEGE bedankt sich ausdrücklich für die lange, grenzübergreifende Zusammenarbeit. Im neuen Jahr wird Paul-Henri Campbell die Rubrik übernehmen.

Besonders freuen wir uns, dass der Aachener Übersetzer Stefan Wieczorek ein neues Dossier mit aktuellen Texten aus Flandern und den Niederlanden für OSTRAGEHEGE zusammengestellt hat. Ester Naomi Perquin und Peter Verhelst sind den Lesern vielleicht noch von Nummer 79 her bekannt. Außerdem werfen wir mit dem Poem »Die Frau des Fischers träumt« der jungen Flämin Charlotte Van den Broeck, den Texten des gebürtigen Irakers Rodaan Al Galidi sowie Gedichten von Radna Fabias und Thomas Möhlmann einen aktuellen Blick auf das literarische Geschehen unserer westlichen Nachbarn.

»Ich finde es viel irritierender und erhellender, nicht ich selbst zu sein«, sagt der Berliner Autor Hendrik Jackson im Interview mit Axel Helbig über sein keinem Personalstil verpflichtetes Schreiben. Im zweiten Gespräch des Heftes befragt Gerd Püschel Michael Faber zu seinen Motivationen, den Leipziger Verlag Faber & Faber wieder aufleben zu lassen. In einem kurzen Essay würdigt Artur Becker schließlich die „Rebellion gegen das Establishment“ des kleinen Kölner Independent-Verlags „parasitenpresse“.
»Dagmar Ranft-Schinke gehört zu den Ungeduldigen mit Ausdauer«, schreibt Hans Brinkmann über die Chemnitzer Malerin und Grafikerin, deren Arbeiten die aktuelle Nummer des OSTRAGEHEGE gestalten.