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Jiří Orten
Sonett Wir tragen Namen. Tragen Kleider, gehen in Schuhen wie zum Aufgebot. Dukaten sind es, worin wir uns sehen, und selten nur im Tod. Wir geben Sterbenden Arznei zu kosten. In Prachtgelump ist unsre Zeit drapiert. Du stützest nichts, bist überflüssig, Pfosten. Hat man nur einen je kuriert? Am Boden liegt die Bibel, ganz zerfleddert, der Glückspilz Hiob hat in ihr geblättert gleich nach dem Krankenhaus. Der alte Gott, Herr unserer Baracken, teilt Kälte, Krankheit, Hunger, Schmerzattacken mit vollen Händen aus.
Schwarzes
Bild Vergebens ist der Ruck am Zaum, die Luft gepeitscht, hüh hott, dich wirds nicht treffen, hat dich kaum. Vergebens ist der Ruck am Zaum, dort, wo er fortging: Gott. Er ging – es weiß nur er, wohin, er ging in einen Zwist, er trieb den Wind zur Mühle hin, und ging und ging, er weiß, wohin, von Liebe aufgespießt. Er ist woanders. Irgendwann kommt er vielleicht nach Haus. Die Schergen sind verwirrt, schau an: auf gottesleerer Straße dann löschen sie Leben aus. (Aus dem Tschechischen von Urs Heftrich) Jiří Orten 25.
5. 1941, Mitternacht Du mein Land, still, zum letzten Mal, im Bewusstsein des beginnenden Endes,
das (selbst wenn alles normal verliefe) angebrochen ist. Kein Aufschub,
ich spüre ein Frösteln in allen Körperteilen und in der Ganzheit meiner
Seele. Ich liebe – und es ist zu wenig, weil ich vergeblich liebe. Und
was liebe ich? Manchmal glaube ich, dass ich es noch weiß. Mich selbst
liebe ich nicht mehr. Nicht die Frau, nicht den Schwan, nicht den Mond.
Einen Gedanken. Jedweden Gedanken, solange er nicht von dieser Welt ist.
Und doch: wie fest ist er mit dem Land verwachsen, du mein Land. Ich lasse
mich behandeln, aber das verlängert nur das Leiden, wenn ich so sagen
darf. Und auch wenn ich dies hier nicht nüchtern schreibe, auch wenn ich
das tägliche Angstbad hinter mir habe, auch wenn es wieder einen Tag
Aufschub gab (was ein „Glück“ ist), so spüre ich doch, dass das Ende
angebrochen ist, dass alles übrige lediglich eine Frage der Zeit und des
Ortes und der Situation ist, dass der Regen, dem sich jetzt der Himmel geöffnet
hat, der letzte Regen sein wird. Ich schreibe es mir hinter die Ohren,
damit ich es nicht vergesse, ich fasse mir an die Augen, wo sich Tränen
bilden, und gehe schlafen, auf nichts hoffend und mit dem Wunsch auf ein
Wunder, das es nicht gibt. Amen. *** 28.
5. 1941 „Seht die Sterne... als hätten die Frauen Leinwand ausgebreitet“ (L. N.
Tolstoj). – Seht und versteckt eure Augen dort oben, damit man sie euch
nicht raubt. Ich sage das, während ich mich dunkel an einen Traum
erinnere, der mich heute Nacht heimgesucht hat.
Wir saßen an einer großen, reichgedeckten Festtafel. Und wir
waren nicht wenige. Die Mehrzahl unbekannte, erlesen gekleidete Menschen,
und ein paar, ach, nur allzu bekannte Gestalten. Es wurde angestoßen. Als
die Reihe an mich kam, hob ich mein Glas, richtete mich auf und mit Blick
auf den offenen Nachthimmel trug ich in Versen eine wunderbare Rede über
die vollkommene Liebe vor, die auf nichts verzichten muss, weil sie alles
hat. Ich forderte die Frau heraus, die ich liebe und bedauerte sie, weil
es so viele Männer gibt, mit denen sie schlafen muss, bevor sie mich
findet. Sie sind Schwachköpfe,
so sagte ich, und dann, nach meiner Ansprache, nahm ich Platz und wollte
sie ansehen. Aber ich hatte keine Augen mehr, man hatte sie mir geraubt.
Etwas in mir sah (sah sie an), doch Augen waren das nicht, und was es sah,
war nur ein Flimmern ohne Umriss und Form, ein absolutes Flimmern, eines,
das es nur in der Ewigkeit geben kann. Dann wachte ich auf. (Aus dem Tschechischen von Urs Heftrich)
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