Ulf Großmann

Drei Diener

 

Rudolf, Runfried, Graufried und Holdfried atmen tief durch.

Die Klinke fühlt sich kalt an. Wir warten einen Moment, ehe wir sie gemeinsam herunterdrücken.

 

Ich habe einen Termin mit einer Ärztin. Dort soll ich meine Vorstellungen vorstellen.

„Ganz kurz“, sagte der Sozialarbeiter und lächelte.

„Muss ich das?“, fragte ich.

Er lächelte nicht, er nickte.

Ich habe Probleme, denken einige von allen. Das stimmt nicht. Das werden sie noch erleben.

 

Problematisch ist der Termin nicht. Und ich habe mich vorbereitet und gewappnet.

Ich habe mir vorher den Namen Rudolf gegeben. Ich habe drei Diener in meinem Gefolge. Zur Stützung. Jeder kennt sein Einsatzgebiet. Runfried (verantwortlich für die Außenwelt), Graufried (verantwortlich für die Innenwelt), Holdfried (verantwortlich für familiäre Angelegenheiten).

 

Im Zimmer streiche ich mein Hemd noch einmal glatt.

„Rudolf“, sage ich, die Füße exakt nebeneinander positioniert, den Brustkorb straff über den Bauch geatmet.

„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagt die Ärztin, streckt ihre Hand zu mir. „Ich heiße Margit Mo…“

„Moment“, sage ich. „Ich bin noch nicht fertig.“

„Wie meinen Sie das?“

„Runfried, Graufried und Holdfried“, stelle ich vor. „Meine Diener.“

Sie zögert. Versucht ein Lächeln. Ihre Begrüßungshand geht zurück an ihre Hüfte.

Sie ist nicht wie erwartet weiß verpackt. Eher ein Freizeitlook. Unpassend, finden wir.

„Wie sind Sie zu denen gekommen?“, fragt die Ärztin.

„Mit der Bahn“, sage ich.

„Nein“, sagt die Ärztin. „Also zu Ihren Dienern.“

Runfried runzelt meine Stirn.

Die Ärztin lächelt und formuliert ihre Frage präziser.

„Die Hauptsache ist unser Hiersein“, sage ich.

Sie nickt. Zeigt mit freundlicher Miene auf einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Wir nehmen Platz.

Der Raum schweigt einen Moment. Die Ärztin auch. Sieht uns an. Wir warten und betrachten. Alles wirkt steril. Die Poren auf ihrer Nase sind groß und unter der Unterlippe hat sie zwei Mitesser und eine kleine Wunde. Wahrscheinlich heute früh vorm Spiegel einen Pickel ausgedrückt.

„Haben Sie Probleme, über die Sie vielleicht mit mir sprechen wollen?“, fragt sie.

„Ich kann nicht alles selbst regeln“, sage ich voreilig, ohne Runfried, Graufried und Holdfried einzubeziehen.

Das gefällt ihr, zeigt ihre Mimik. Das mit dem nicht regeln, nehme ich an.

Ich beiße mir auf die Zunge.

„Und wo könnte ich Ihnen helfen?“, fragt sie.

„Danke. Ich kann mich auf meine Diener verlassen.“

„Und auf Ihre Familie?“

Ich sehe sie an. Das hatten wir geahnt. Sie wirkt, als hätte sie ein Messer irgendwo versteckt. Ihre Augen verraten sie. Aber ich verrate nichts. Ich schweige.

Sie nickt und fragt, wie es meiner Mutter geht.

Holdfried hüstelt, grübelt dabei in meinem Kopf. Man muss nicht jedem auf die Nase binden, dass sie nicht gern die Wohnung verlässt. Und dass sie mich dort angefasst hat, geht niemanden etwas an. Das habe ich ihr versprochen. Sie hat auch nie über das Bügeleisen auf ihrem Oberschenkel gesprochen.

„Steht dazu nichts in Ihren Akten?“, fragt Runfried.

„Nein“, sagt diese Ärztin.

Sie lügt. Und ich habe meine Mutter seit Jahren nicht gesehen.

Graufried murmelt leise. Ich beiße auf die Unterlippe.

„Sie wollen nicht über Ihre Mutter sprechen?“, fragt die Ärztin.

„Bisher hat sich niemand beklagt“, sage ich, und Graufried findet das in Ordnung. Und Graufried sagt ihr unsere Meinung. Er übertreibt. Wird polemisch. Und meint, dass wir vielleicht hier lieber abbrechen sollten. Aufbrechen sollten.

Die Ärztin wirkt angespannt und mustert mich unangenehm.

Graufried hüstelt, hebt meine Hand, hält inne. Mein Gegenüber hat mit beiden Wimpern gezuckt. Punkt für mich.

Sie lächelt. Unecht.

[…]

(gekürzt, den gesamten Text können Sie in OSTRAGEHEGE 86 lesen)

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