Lagebesprechung [62] - Torsten Israel

Jayne-Ann Igel

Umtriebigkeiten

Zu Torsten Israels Gedichten

Wenn man Torsten Israels Gedichte im Spektrum lyrischen Schaffens verorten wollte, so ließen sich ihrem Charakter nach durchaus Berührungspunkte mit Texten aus der Poetry-Slammer-Szene entdecken, im Sprechen aus dem Moment heraus, im Aneinanderreihen von Impressionen, skizzenartig, aus denen sich dann überraschende Perspektiven, Zusammenhänge ergeben. Wiewohl Israels Gedichte gearbeitet sind, auf den Punkt gebracht, dabei aber in einem umgangssprachlichen Duktus, manchmal saloppen Ton gehalten. Es ist eine Unmittelbarkeit darin spürbar, so pur, wie die Eindrücke zur Sprache kommen, dennoch sind sie nicht unreflektiert. Der Prozess des Reflektierens hat im Moment des Schreibens statt.

Man könnte diese Texte auch einer Gelegenheitsdichtung zurechnen, jedoch einer im goethischen Sinne, was heißt, dass sie aus der Inspiration eines Augenblicks oder Anlasses entstehen. Mich erinnern Israels Umtriebigkeiten und die daraus resultierenden Arbeiten an einen ebenso in und von seiner Zeit umgetriebenen Dichter wie Peter Hille, dessen Dichtung einer gewissen Naivität, Natürlichkeit verpflichtet ist. Oft legt Torsten Israel große Strecken per Rad zurück, fährt über Land, reist weit hinein in den Osten, nach Polen, ins Baltikum, einer Sehnsucht folgend, die er selbst in einem seiner Gedichte als umarmungssehnsucht bezeichnet. Wobei offen bleibt, ob diese auf eine Landschaft, Region oder gar auf Personen bezogen, eine Undeutlichkeit, die hier als Bereicherung wahrnehmbar wird und dem lesenden, erkundenden Ich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eröffnet.

Phasen intensiver literarischer Arbeit wechseln ab mit längeren Zeiten, in denen kaum etwas entsteht, doch ihm geht es nicht vordergründig um die permanente Arbeit am Werk. Die Tätigkeit im Spätshop, über dem er eine lose Lesereihe veranstaltet und dessen Kundschaft er gelegentlich literarisch porträtiert, die Fahrradtouren und das Stadtleben vermitteln wesentliche Impulse zum Schreiben. Daneben bilden der frühe Tod seines Vaters, die Trennung vom eigenen Kind und andere persönliche wie existentielle Erfahrungen einen weiteren Ausgangspunkt, insbesondere deren Unwiderruflichkeit. Anregungen erfährt er auch durch Lektüren (etwa Wolfgang Hilbigs und Michael Lentz՚ Gedichte) oder die Mitherausgabe des unregelmäßig erscheinenden literarisch-künstlerischen Magazins „Trieb“ – die Idee dazu war ihm während der Arbeit im Spätshop gekommen. Es ist ein überwiegend subkultureller Kontext, in dem sich der Autor bewegt und literarische Erfahrungen sammelt, weitab von jeglicher Förderung durch die öffentliche Hand. Texte von Torsten Israel finden sich außer in „Trieb“ in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien.

Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Torsten Israel in Berlin, ehe er 1996 nach Dresden zog, wo er an der Musikhochschule klassische Trompete bei Mathias Schmutzler und Bernd Hengst studierte. Zu dieser Zeit begann er auch zu schreiben. Kurz vor und nach dem Abschluss reiste er ein zwei Jahre konzertierend durchs Land, vorwiegend mit Werken für Orgel und Trompete, bevor er 2002 das Geschäft in der Dresdner Neustadt eröffnete.

 

Torsten Israel

sucht I

 

meine umarmungssehnsucht

mich nun in ein land weht in dem

omas vor schulen schnee schippen

mütter den gast mit befehl bedienen

töchter selbst bei polaren graden

antilopenähnlich präsentation machen

 

dies kleingrünrote land

meine vorfahren dem erdboden

bis auf zwanzig prozent hinab veraschten

wieso geben die mir nachtisch

 

 

ver

 

schwinden werde ich

wenn müdigkeit mich hinabzieht

in heidenauer erde und boden

auf dem wir kalksand schwere

steine in wände wandelten mit einem virtuosen

maurer namens wiese welcher

gar betonsäulen goss und modulierte

 

die werden mich majestätisch überdauern

und von einer zeit künden

in der ich lernte bauschutt zu lieben

und hundert jahre ziegel stapelte herzlich

den nachfolger vermisste ich

schmerzlich

rennrad II – für janek

 

zehntausende kilometer sind es schon

die ich ohne dich verlebte - sohn

während zyklopen wohnhaft tannenstraße

dein frischzartes hirn wuschen

 

zehntausende kilometer sind es schon

die ich durch partikel flog jahrelang

und phönix II von andreas paul den klang

rezitiere im gegenwind

 

ich bin der vogel der auferstehung

mein name kommt aus asche und mein flug ist das feuer

mich sieht man nur im dunkeln und ich reiße ungeheuer

mächtig licht aus dämmerung

 

rezitiere im gegenwind unter dem

ich mein haupt ducke demütig

zwischen neukirch und weißig gelegentlich

automobilisten fluchen da rollt er wieder

der rezitator auf der bundesstraße sechs

vom mtbfahrer mit bergrucksack einmal fast abgehängt

von einer vermutlich masturbierenden mars riegel firma

vertreterin höhe lauterbach auch gut unterhalten

als ich den weg zu deiner urgroßmutter wählte

viel später sehe ich angehörige innehalten

an einem baum in hellerau

der stärker war als das herz von

zwei kaum ende zwanzigjährigen

letzte körperdünste aus dem ferrari kehren

nun in dresden nord aerolotwärts

der eltern schmerz ist nicht benennbar

 

„Ein Gedicht muss losgehen“

Jayne-Ann Igel: Welchen Einfluss hat Musik auf Dein Schreiben resp. auch das Musizieren in der Vergangenheit?

Torsten Israel: Wenig, obwohl ich mal ein griffiges Attacke-Gedicht über einen Dresdner Solo-Posaunisten geschrieben und die eine oder andere phantastische, geradezu abartig perlende Passage von Trompeter Joachim Schäfer versuchsweise verarbeitet habe. Es kommt vor, dass ein gepflegter Hintergrundtechno das Schreiben beflügelt.

Würdest Du Dich als Gelegenheitsdichter sehen, d.h. auch in dieser Tradition?

Definitiv; es gibt längere Phasen des Nicht-Schreibens, zum Beispiel ein halbes Jahr und mehr.

Gibt es für Dich bestimmte Schreiborte und Schreibbedingungen?

Mein Sehnsuchtsort wäre eine Strandkorbsituation auf Usedom mit adäquater Top-Begleitung, Gourmet-Kaffee, gemäßigtem Wind, und dann sollte es nicht lange dauern, bis der Schreib-Flow, bis eine gemischte Streicheleinheit aus Sand, Wind, Meeresluft, ihren feingliedrigen Fingerkuppen, Lippen sowieso ein solides Fundament bildet ... ich werde am Thema dranbleiben.

Wie verlaufen Arbeits-/Entstehungsprozess bei Deinen Texten, und gibt es auch so etwas wie eine "Umsorge", d.h. Vorbereitung, Recherchen, Theorien, Ideen, Reflexion ...?

Alles langwierig und klebrig. Es gibt eine Dresdner Untergrund-Webseite, die haben mal nach Texten gefragt, da ging die Textproduktion sogar einigermaßen flüssig. Ansonsten sind es punktuelle persönliche Themen, die mich im Grunde genommen Jahrzehnte beschäftigen und manchmal dauert es entsprechend, bis der Anfangssatz steht; wie der frühe Tod meines Vaters, der Tod meiner Großmutter, das lange Nicht-Sehen meines Sohnes, dieses wuchtige Bauernhaus in der Oberlausitz, das ein Teil meiner Vorfahren gebar, dann die brutale Abwägung zwischen einer osteuropäischen Schönheit (are you killing me!) und meiner Baustelle, ein Radiobericht über eine aufgelöste Frau, die bei der Meeresflucht über Bord gehende Säuglinge erlebt hat ...

Erwartungen Deinerseits an Gedichte - gibt es da Kriterien?

Ich bin kein Germanist und habe kein Abitur. Gleichwohl bringe ich äußerst unregelmäßig "Trieb - das Feingeistmagazin vom Bischofsweg" heraus. Denn ich habe da mit Michel Philip Nierste einen kongenialen Kollegen, der zu großer Form aufläuft, wenn es um das Beurteilen von Gedichten geht. Ich für meinen Teil sage: Ein Gedicht, ein Text muss losgehen, nicht so viel rumsülzen!

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