Lagebesprechung [65] - Simone Lappert

Beat Mazenauer

DER TRAUM WIRFT EINEN SILIZIUMHELLEN SCHATTEN

 

Zu Simone Lapperts Gedichten

 

„Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass Lyrik mein Rückzugsort ist. Hier suche ich keine Öffentlichkeit und arbeite nicht auf ein Buch hinaus.“ Das Zitat stammt aus einem Interview, das Friederike Hintze 2015 mit Simone Lappert geführt hat. Anlass war deren Roman „Wurfschatten“. Das Buch erzählt von einer jungen Frau, die in Angst und Apathie gefangen ist. Dieser schwebende, zugleich niederdrückende Zustand erhält sprachlich eine feinnervige Leichtigkeit, die untrüglich ein Faible fürs Lyrische verrät. Bevor sie mit „Wurfschatten“ debütiert hat, veröffentlichte Simone Lappert vornehmlich Gedichte und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Auf einen Lyrikband ist es bisher aber nicht hinausgelaufen.

„Wurfschatten“ ist das Porträt einer „verweichlichten Generation“. Dieser Vorwurf der Mutter richtet sich an ihre Tochter und deren Freunde, denen es an nichts fehlt – oder genauer: denen es nicht an „windmessern, platzbauten, zeit“ fehlt. So heisst es im Gedicht „lückenlos“. Wäre nichts anderes mehr zu wünschen?

„du kannst alles noch einmal zählen“, spricht das lyrische Ich ein „Du“ an, das vielleicht den Leser mit einbegreift, vielleicht nur in Zwiesprache sich selbst sucht. Es wiederholt zweifach die Aufforderung, „weil du noch immer nicht weisst, was fehlt“. Das „lückenlos“ im Titel verheisst so nicht Vollständigkeit, sondern es zielt auf ein Fehlen, das in seinem unerkannten Zustand umso beunruhigender ist.

Es sind solche gegenläufigen Bewegungsmuster, die in den Gedichten von Simone Lappert eine vernehmbare Reibung erzeugen — wie in „selbstportrait“:

„ist ein knirschen in den wimpern, ein krachen

in den nackenhaaren, ist ein reissen und bröseln

um den mund ...“

 

– hin zu einer „längst fälligen verwilderung“.

Der fiebrigen Sehnsucht nach etwas Anderem, das hier Verwilderung heisst, oder „weggehversuch“, und an anderer Stelle die Zeitlosigkeit der Kinderjahre meint, entgegnet ein zähes Beharrungsvermögen: ein „warten auf den hidden track, im leerlauf dieses unbehagens“. In diesem Zwiespalt inspiziert das Ich die eigenen Wünsche und nächtlichen Träume, von denen morgens im Zimmer ein Unterholz zurückbleibt und die gestärkte Aufmerksamkeit nach innen.

Simone Lappert klärt die konträren Bewegungen nie ganz auf, sie baut die Ambivalenz der Gefühle schichtweise in die Konstruktion ihrer Sprache und Bilder ein. Das Wuchernde, Rohe, Eisige auch, der Wunsch zu verwildern und „bis zum verbleichen durch den schnee zu stapfen“, bleibt ein brüchiger Traum, der eingemacht und kandiert wird bis „die früchte verbittern“. Er droht den Zwängen zu erliegen, die der Angst und Mutlosigkeit entspringen und das lyrische Ich beziehungsweise sein „Du“, „knie gegen heizstab“, wärmend hemmen. Nachts wird der Traum gebannt in siliziumhellen Manifestationen auf dreizehn Zoll:

„der mond ein blasses icon, belichtet deine angst im dunkeln,

die fenster jetzt auf bildschirmschoner. zu hoch noch

die auflösung deiner gedanken (…)

bis draussen ein heller balken den tag neu lädt.“

 

Dieser Kontrast von Naturtraum und gepixelter Realität erzeugt einen knirschenden Widerstand, wenn die Schichten sich aneinander reiben, ohne je ineinander aufzugehen. Die digitalen Chiffren sickern in die Träume ein, bemächtigen sich ihrer jedoch nie ganz. Es bleibt ein unüberwindbarer Rest.

Simone Lappert hält die Widersprüche poetisch aus, sie wendet ihre bildkräftigen, sich syntaktisch und metaphorisch scheuernden Gedichte immer wieder ins stimulierend Offene. Die Brüchigkeit bleibt ambivalent und beweglich – denn gleicht der 13-Zoll-Bildschirm nicht dem bleichen Mond am Himmel, wenn er „wahllos jeden scheiss versilbert“?

Lyrik ist für Simone Lappert ein Rückzugsort, der sich – selbst für die Autorin – nicht leicht und einfach erschliessen soll. Dennoch laufen ihre Gedichte demnächst auf ein Buch hinaus. Im Frühjahr 2019 wird von ihr im hochroth Verlag ein erster Lyrikband erscheinen, der auch die hier ausgewählten Gedichte enthalten wird.

 

 

Simone Lappert

selbstportrait
 

ist ein knirschen in den wimpern, ein krachen

in den nackenhaaren, ist ein reissen und bröseln

um den mund, der schweigt, der so mühsam

zweifel unterzungt; ist ein schiefes im dastehn,

ein sich beugen hin zum brennenden bauch,

ist ein fletschen der sinne, in den knochen

ein knurren, ist ein bersten und buckeln und

beissen, ist eine längst fällige verwilderung.

 

1992
 

hattest beschlossen, dich bis zum gefrierbrand zu monden,

bis zur verbleichung durch den schnee zu stapfen

und stehst jetzt stattdessen so knie gegen heizstab, beschlägst

die scheiben mit tauendem gedankenfrost. hinterm kondensat:

der durchstapfte rasen, aneinander geflockte weggehversuche;

heimlich und klein und tief gefroren. – stehst ganz handwarm jetzt,

in deiner radiatorenstille, und enteist die wut in deinen fäusten.

 

 

schlaflos

als ob da im dunkeln was umkippt

hinter dem brustbein und beim atmen verschüttet.

jetzt, wo die luft so kühl und die blicke der andern

so zugefenstert, als ob da was scheuert und knotet,

als ob die ellbogen einwärts knicken und durch die rippen

nach innen wachsen, als ob auch die hände einwärts ästeln.

als ob da ein wald unter der zunge, ein blättriger

störton im hals; und dann das krachen der äste

hinter den augen, die zunehmende vermoosung

der gedanken – bis da aussen ein wald ums bett

und innen die fäuste, im rippentresor.

 

 

schlaflos II

pixelst dich nachts im siliziumhell,

brauchst nicht mehr als dreizehn zoll zum träumen;

der mond ein blasses icon, belichtet deine angst im dunkeln,

die fenster jetzt auf bildschirmschoner. zu hoch noch

die auflösung deiner gedanken, sie trailern verdrängtes

bildmaterial. nur klicken und warten und weiterpixeln,

bis draussen ein heller balken den tag neu lädt.

 

im ferienhaus
 

abends, wenn im seetal die laternen angehen,

mir beweisen, dass wieder ein tag überstanden ist,

mach ich mir gierig eine erinnerung ans uns auf,

schlinge sie roh und im stehen; lehne dann

klumpbäuchig am kühlschrank und hasse den mond,

der wahllos jeden scheiss versilbert.

 

 

nachklang

geräuschlosigkeit kämmt das trommelfell aus,

entzaust den lärmfilz der jahre, macht dich ganz ohr

und da. die stille eine abtastnadel, ritzt den schellack

deiner vergangenheit, fährt erinnerungsrillen lang,

spielt noch einmal ab, was war. nicht aufstehn jetzt,

nur blinzeln und atmen und leise bleiben; warten,

auf den hidden track, im leerlauf dieses unbehagens.

 

 

[Poetologische Notiz]

Ein Gedicht darf überfordern und ein Rätsel bleiben. Was wir nicht verstehen, beunruhigt uns, im Verstehen, im Nachvollziehen finden wir Beruhigung. Das Fremde macht uns Angst. Gerade auch Lyrik gibt uns die Möglichkeit, Nichtverstehen als etwas Positives zu begreifen. Hier dürfen wir staunen, rätseln, überfordert sein und es geniessen.

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