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Mile Stojić Zug ohne Wiederkehr Der Hauptbahnhof in Sarajevo war restauriert und von seinen Kriegswunden geheilt. Als ich vergangene Woche, nach nunmehr einem ganzen Jahrzehnt, in seine Halle hinein spähte, nahm ich aufs Neue den vergessenen Duft des Reisens wahr, den Duft jener Sehnsucht nach fernen Ländern und unbekannten Städten, in die uns das vom Schrei der Lokomotive aufgeweckte Herz zieht. Frühe Sonnenaufgänge, schlaflose Tagesanbrüche. Zugegeben, ich hatte diese Länder und diese Städte schon ein wenig satt, genau wie die stählernen Bahnhöfe, in welche mich noch andere Züge gegen meinen Willen trugen, aber wie dem auch sei: die wiederhergestellte Halle des Hauptbahnhofs erschien mir noch einmal wie der Beginn all meiner verlorenen Tänze mit dem Leben. Es war jedoch wenig von seinem früheren Aussehen übrig geblieben: allenfalls die lateinische Aufschrift Željeznička stanica, hinter welcher einst die gleiche in kyrillischen Buchstaben stand. An deren Stelle prangen heute die englischen Wörter Railway Station, wie die Chiffre und das Emblem einer fernen Welt, der meine Stadt nachstrebt, aber die zu erreichen sie nur schwer in der Lage sein wird. Das riesige Bahnhofsgebäude ist jetzt mit weißem Marmor getäfelt, und in die Mitte wurde eine gigantische Uhr der Marke Siemens gesetzt, welche die Reisenden warnen soll, dass die Zeit des Wartens abgelaufen ist. Allerdings gibt es hier heute keine Reisenden mehr, denn im Ganzen fahren täglich zwei Züge ab. So erscheint das hell restaurierte Bahnhofsgebäude für einen Augenblick wie der Tempel einer ausgestorbenen Religion. Der Neue Bahnhof Sarajevo wurde im weit zurückliegenden Jahr 1947 erbaut. In ihm gipfelte die Jugend-Arbeitskampagne „Šamac-Sarajevo“. Unter der Agitprop-Parole „wir bauen die Strecke – die Strecke baut uns“ bauten mit Schwielen an den Händen hunderttausend junge Männer und Frauen, unter ihnen auch mein Vater, die vom Krieg zerstörte Heimat wieder auf. Sie schenkten ihr eine moderne Eisenbahntrasse, welche die Stadt unter dem Berg Trebević mit den Docks des Flusses Sava verband. Als coup de grace jener außergewöhnlichen Anstrengung erhob sich der Neue Bahnhof in Sarajevo, den Marshall Tito persönlich eröffnete. Das Bahnhofsgebäude entwarf der Novi Sader Architekt Stojkov, und die Einwohner Sarajevos betonten lange Zeit, dass es sich um eines der drei schönsten Bahnhofsgebäude der Welt handle. Obwohl er der einzige in der Stadt ist, nennen sie ihn bis zum heutigen Tag den „Neuen Bahnhof“. So hüten sie ein sprachliches Zeichen für etwas, was für immer in der erschütternden Geschichte der Stadt begraben bleibt. Der alte Bahnhof, der sich gegenüber vom heutigen Hotel Bristol befand, wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von Österreich-Ungarn erbaut. Alle Bürger benannten ihn in gebrochenem Deutsch mit - Banovo (dt. Bahnhof). In der Zeit der schmalen Strecken und der harten Gesetze war der Banovo von Sarajevo das Zentrum der Welt: hier konntest du einfach einsteigen und deinen Weg, je nach Wunsch, in Dubrovnik, Zagreb, Jajce, Wien oder Budapest beenden. Aber seit dem Sommer 1914, als vom Banovo Sarajevo mit feierlichem Geleit zwei Särge erster Klasse Richtung Wiener Südbahnhof gesandt wurden, sollten der Umfang und die Tragweite bosnischer Eisenbahnstrecken nach und nach rapide abnehmen, bis die Züge in unserer heutigen Zeit auf diesen Strecken ganz stehen blieben. Mit einem der letzten bosnischen Züge habe ich selbst im Frühjahr zweiundneunzig die Stadt verlassen. Nie werde ich es vergessen: es war der letzte Sonntag im Mai, der Turmbau Unioninvest brannte wie eine lodernde Fackel, die muslimischen Kräfte hatten, den Berichten des Generalstabs zufolge, „in der Baščaršija Autoreifen verbrannt“, als ich mich durch Glasscherben und Splitter zertrümmerter Fenster zum Neuen Bahnhof durchschlug und ich in dem einzigen Zug strandete, der auf dem Bahnsteig stand. Das Einzige, woran ich mich aus dieser wirren Zeit noch erinnere, sind die stehen gebliebenen Zeiger zweier Bahnhofsuhren, die an der Vorderseite des Gebäudes angebracht waren. Eine gewaltige, zerstörerische Granate vom Trebević (oder aus einer nahe gelegenen Kaserne, das habe ich niemals erfahren) hielt den einzigartigen Uhrenmechanismus an, so dass die Zeiger auf beiden Ziffernblättern auf drei Uhr fünfzehn stehen blieben. Die Zeit stand schon lange still, als ich mit diesem letzten rußgeschwärzten Zug in eine qualvolle Ungewissheit aufbrach, in eine Finsternis – eine bessere als der Tod. Daraufhin brausten eine ganze Ewigkeit keine Züge mehr über die Strecken um meine Stadt. Als es mir Mitte Juni aus einer weißen und inselartigen Stadt, in der ich mich nieder gelassen hatte, irgendwie gelang, eine Telefonverbindung zu einer Freundin in Sarajevo zu bekommen, sagte sie mir voller Panik: „Da, jetzt gerade, während du anrufst, brennt der Bahnhof. Riesige, lodernde Fackeln züngeln aus dem Gebäude auf die Pofalići, und mir ist, als ob das Feuer mein ganzes Leben verschlingt…“ Die Verbindung riss ab, und die Stille aus dem Telefonhörer sagte mir, dass das Feuer an diesem Tag das Album meiner Erinnerungen verschluckt hatte. Dann rief ich mir tagelang diese Scherben eines Traums ins Gedächtnis, diese zerbrochenen Fragmente der Seele, welche am Himmel Sarajevos flatterten wie Partikel von Asche, und ich versuchte, sie in einem ungeschickten und unreifen Vers zu ordnen: Beim Anblick der Flammen, die den Bahnhof verschlingen / Ist mir, als hätte jemand den Korb meiner Erinnerungen angezündet / und sie flattern jetzt umher wie panische Bienen / am Himmel Sarajevos / Wie auf einem Bild Chagalls / jagen die einen Züge den Wolken nach / werden die anderen von Erdspalten verschluckt / Mein Vater entsteigt dem Saum des Himmels / mit einer Feldflasche Rakija in der Tasche / und sagt: dreh dich nicht um, mein Sohn / und gib acht, was du tust / Eine Meute Rekruten, darunter auch ich, singt vom Aufbruch ohne Wiederkehr / Die Mädchen, alle, die ich liebte / sind nur gesichtslose Silhouetten / die nach mir greifen in ihren durchscheinenden Kleidern / von einem Rot wie die Mütze des Stationsvorstehers / Im Zentrum flattert das Antlitz meiner Frau Hasija / sanft wie ein Frühlingsmorgen / jetzt etwas geneigt / mit zerbissenen Lippen / und mit leicht schmerz verzogener Miene / Auf dieser Seite sind die Händler, die Betrunkenen, eine Welt, die regungslos verharrt im rotierenden Grauen / Dort: Mutters Kopftuch als Fahne eines Lebens / welches für immer auszog aus dem Gedächtnis. In dem Augenblick, als ich jene Verse niederschrieb, glaubte ich, ich würde dieses Gebäude nie wieder sehen. Heute spaziere ich durch sein sauberes und restauriertes Inneres wie durch den Tempel einer ausgestorbenen Religion, deren einziger verbliebener Gläubiger ich bin. Vor dreißig Jahren kam ich als Abiturient vom Gymnasium Ljubuški mit dem Zeugnis in der Tasche hierher und nahm zum ersten Mal jenen feuchten, doch betörenden Duft Sarajevos wahr, der dem Menschen ins Blut geht wie Nikotin oder ein anderes Gift, das noch berauschender ist. Hier habe ich meine Mutter erwartet, die es nicht mehr gibt, Frauen, die es nicht mehr gibt, habe Freunde und geliebte Mädchen ins Dunkle und Ferne verabschiedet. Inzwischen ist die Welt tatsächlich in ihrem eigenen Grauen erfroren. In einer Betrachtung über die Semiologie von Bahnhöfen führt Hans Magnus Enzensberger an, dass der Bahnhof ein Sammelpunkt für Menschen ist, denen alle Züge davongefahren sind. Ob ich einer von ihnen bin, weiß ich nicht, aber ich bin mir ganz sicher, dass alle meine Züge in eine Richtung abgefahren sind. In jene, die da heißt Nimmerwiederkehr. (Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks; aus: “Café Nostalgija”, Sisak: AURA 2007) |