Lagebesprechung [61] - Kristin Schulz

Jayne-Ann Igel

Lose Enden

Unsere Gegenwart könnte man vielleicht auch als Zeitalter des Dekonstruktivismus bezeichnen, in dem medial eine permanente Enthüllung statthat, die zum Teil aber nur mehr scheinbar im Widerspruch steht zu den Verbrämungen der Wirklichkeit, des Neoliberalismus, der uns seine herkömmlichen Werte in schönerem Wortgewande als Verheißungen unterjubelt. Der aufklärerische Geist hat sich die Offenlegung der Strukturen im Welt- wie Machtgefüge einst herbeigesehnt, und was die nun mit uns macht, in der neoliberalen Übertragung, und was dabei mit dem Überkommenen geschieht, die Frage nach dessen Sinnfälligkeit, schwingt als Thema in Kristin Schulz‘ Texten mit. Das Überkommene, Vorformulierte, mit dem es sich ins Verhältnis zu setzen gilt, wie mit dessen Subtext – in „schaumschläge“ heißt es: „so so und so drischst du das gold/ zu stroh wirst nicht mehr froh“. Wir sind Abhängige der eigenen Konstruktion.

Einige der hier abgedruckten Texte, wie etwa „sectio“, wirken rätselhaft, gleich den Rätseln der Sphinx, die auf den ersten Blick unlösbar – was als Wortspiel in Erscheinung tritt, an Zaubersprüche gemahnen mag, führt in die tieferen Schichten von Unwägbarkeiten und Verunsicherung, in denen das Leben gespiegelt wird.

Kristin Schulz, die als Herausgeberin des dichterischen Werks von Heiner Müller und Thomas Brasch ein Gespür für die traumwandlerische wie analytische Konsistenz dieser Texte entwickelt hat, was auch in ihren eigenen Gedichten durchaus Widerklang findet, geht in einer gewiss vorhandenen künstlerischen Affinität zu den Genannten entschieden eigene Wege. Mit ihren Texten verhält es sich so, als wären wir gezwungen, zu schauen, rückhaltlos, auf die Verhältnisse wie auf uns … Und was als Bezug auf Mythen oder Märchen in ihren Versen ab und an anklingt, zitiert wird, so finden sich diese Muster ins Gegenwärtige übertragen, in ironischer Distanz. Der Text „angewandte verhältnisse“ betrachtet unser irdisches Treiben im daseinsfrack (Stefan Döring). Gibt es so etwas wie Schicksal oder Geschick, könnte man sich fragen, oder allein unsere Spekulationen darüber? Letzte Hoffnungen im Wissen, dass es eigentlich keine mehr gibt, das Ich lediglich auf sich selbst verwiesen ist? Dabei bilden die in Klammern gesetzten, wie nebenher gesprochenen, kommentierenden, widerrufenden, sarkastischen … Wortgefüge bei Schulz Teil eines poetischen Verfahrens, das die Verse dialogisch erscheinen lässt. Dies alles im Sinne einer Dekonstruktion, die mich in ihrer Konsequenz auch an literarische Ansätze von Irmtraud Morgner oder Sarah Kirsch erinnert, etwa wenn ich die hier abgedruckten Gedichte „sectio“ und „vor der dialektik“ lese, an einen Ton, den ich lang schon nicht mehr vernommen. In Kristin Schulz՚ Gedichtband „Fehlmärchen“ (Gutleut, 2014) scheint dieses poetische Verfahren, das sich alltäglicher Redewendungen und Floskeln bedient (deren ursprünglicher Sinn oft verschüttet ist), sie variiert, verdreht, schon auf. Gedicht Nummer 9 in „Fehlmärchen“ beginnt so: „kein und aber/ verliefen sich im/ wald aber erschlug/ kein und kein/ kind nicht einmal/ wind bliebe der/ aber vertriebe.“

In „angewandte verhältnisse“ schreibt sie: „wie sie uns liegen (soul and foul) beherrschen sie uns/ (die regeln des spiels) mit dem ernst verläßlich beschäftigt/ grasen wir sternzeichen ab“. Was nicht zuletzt auch von der politischen Dimension ihrer Dichtung Kunde gibt. Das Bewusstsein dafür hat sie gemein mit einer Reihe mehr oder minder ihrer Generation angehöriger dichterischer Kombattanten wie etwa Kai Pohl, Clemens Schittko und Robert Mießner, die sich lose um die ambitionierte Zeitschrift „Abwärts“ gruppieren und seit einigen Jahren stärker an die Öffentlichkeit treten. Und dabei den Faden einer politisch ambitionierten Dichtung wieder aufnehmen, der lange Zeit vernachlässigt worden ist. Die zumeist in den 70er Jahren geborenen Autorinnen und Autoren traten zu einer Zeit ins Erwachsenenleben ein, als die Deregulierung und der damit verbundene neoliberale Neusprech sich auch in Deutschland durchzusetzen begannen. Der Eintritt in dieser Weise in eine von der „Umwertung aller Werte“ und Umetikettierungswahn begriffenen Gesellschaft hat viele von ihnen politisch hochsensibilisiert.

Die allgemeine Verunsicherung, die in Texten wie „giftstücke“ mitschwingt, provoziert dazu, zu fragen, ob dem Abschied von sogen. Gewissheiten auch etwas Produktives eignet? Aufklärung, Erkenntnisprozess, Erkenntniszwang – der Weg ins Bodenlose? Der letzte Vers erscheint dabei gleich einem Orakelspruch, einer Versuchsanordnung, die ins Offene mündet.

Dresden, Juni 2017

 

 

Kristin Schulz

 

angewandte verhältnisse

wie sie uns liegen (soul and foul) beherrschen sie uns

(die regeln des spiels) mit dem ernst verläßlich beschäftigt

grasen wir sternzeichen ab (nach der entfernung) geschätzt

und verwahrt auf dauer die ausdauer (der ideale und musen)

wenn sie stillstehen (blendend aussehen) selbst ohne berührung

der himmel dazwischen fremd wie die götter und mutter natur

(winkt ab) sie kennt ihre söhne (und schickt sie davon) grußlos

ins aus (werden sie scheitern) erfahren sie sich (im handstand

kopfüber) rührt euch (endlich) bis das gleichgewicht sinkt

aus dem halt in die praxis rien ne va plus (schopf oder zahl)

der einsatz (verbindlich) ein anderes blatt (keine wahl)

 

 

***

 

ex machina (ein königreich für ein e)

ein murmelspiel zu alt

für zeitformen zeitformeln (fluch oder regen)

während der tag zeit

formt aus abwesenheit (orangenpapier)

wie aber leben

(in der aussparung des ich) götterlatein

unkundige botschaft

(DIE oder DAS) gehört sich betört dich

verhöhnt mich erhört –

verbraucht (nicht vollbracht) die variablen

der endungen der not

(und ihre possessionen an gegenwehr)

bastabastionen

bewohnen das (war einmal)

 

 

***

 

giftstücke

entwerfen wie kinder sie großziehen

(fluchten im rücken) das auf und ab

des verlaufs (gemessen notiert

die werte der sepsis) das hinterland

heilung (war einmal) schrumpflaute

gilt es die körper zu trennen (und

die alte frage wer wen) an der wurzel

entscheiden (den dauerton u bis zum x

verlängern endgültig) nur der kopf

der kirre kopf sinkt nicht und willigt

nicht ein (in den zeitpunkt des todes)

die lösung außer sich (sein)

 

 

***

 

vor der dialektik (zuspitzung)

erbarmen mein almosen aschekorn all

diese zweitnamen hungern mich aus

keiner verschreibt laben dem darben

dem mageren teller (abgespeist und

ausgeleert) beschäftigt im warten mit

worten (verbürgt der sinn wenn der kopf

daran hängt) papageien in büchern 1001

(vollmundig schriftgelehrt) und die liste

der dinge (die das herz sinken lassen)

am ende der tage (betteluhren bettel-

huren) inständig zuständig (die verhältnisse

drehen) bis auch sie auf dem kopf stehen

die zeit ist auf deiner seite (auf meiner

ist sie es reif)

 

 

***

 

lose enden gezählt

die träume proben verschiedene enden

(der geschichte) der tag findet das gültige

aus den scharaden des zufalls (ausbrechen

bis das versagen versagt die quelle versiegt)

gewinnt zukunft (losung oder parole) minenweit

entfernt das nahziel (verdeckt die deckung)

trennung ohne verlust ohne trennung (bis

die blütenblätter ausgehen gerupft und verstreut

der zerstörung überlassen) voll der korb von samen

könnte wer meinen (wie gründlich er irrt)

 

 

Kristin Schulz

Texte als Orientierung im Gestrüpp

Eine poetologische Notiz gerät schnell unter Verdacht der Selbstverständigung (Selbstzweck), steht am Anfang keine Frage. Stelle ich mir also die fehlende Frage ersatzweise, die sich für diese Texte interessiert. Sie sind – wie jeder Text – erzwungene Formulierung, da man ohnmächtig genug war, auf die Verhältnisse nicht anders reagieren zu können als mit Worten. Der Versuch einer Verständigung, die auf Dialog setzt, aber wie bei Briefen im Dilemma der Ungleichzeitigkeit von Formulierung und Lektüre (Absender/Adressat) steckenbleibt. Ein nachträglicher Leser wäre die Hoffnung, daß die Verständigung an anderem Ort stattfindet als dort, wo sie in der Not verpaßt wurde. Im (Wieder)erkennen liegt die Chance: eine Begegnung in der Erfahrung. Gültig formulierter Text ist hier gebundener, womöglich gebannter Schrecken.

Texte als Orientierung im Gestrüpp, wenn irrlichtern nicht hilft, schweigen und singen auch nicht. Das Kind im Wald gegen die Angst. Verdichtung als Antwort, als Rückzug in die Kugel, die kleinste Ober- und Angriffsfläche der nächsten Verletzung und Wunde zu bieten. Worte, die mehr sind – Schutzschild, Beschwörung, Vergewisserung, Öffnung –, wenn sie zueinander finden, nicht anders können als sich zu fügen in die Ordnung der Worte, wo zuvor in Situationen und Gedanken nur Unordnung und Unruhe herrschte. Die Zufügungen damit in Fügungen überführen, in Worte gefaßt die Fassung als Form zurückerobern: Anwendung, Praxis. Texte, die die Selbstverständlichkeit von Träumen haben, weil sie nicht hinterfragt werden können, ihre Anlässe oder Gründe sind weder zu ändern noch zu verhindern und liegen zurück. Gegen das Versehen der Versuch. Immer wieder.

Die Handlungsanweisung (im Sinne einer Richtungsweisung) fällt nur auf die Verfasserin zurück, sich einen Weg zu bahnen in eben jenem Gestrüpp, das dichter lichter nicht wird. Wenn die Wörter die Schatten tragen helfen, so weil sie für sich stehen, sich behaupten können auf eigenen Füßen, in ihrer Welt, in der sie nicht allein sind. Auch das ist Anwendung: wenn aus Not Notation wird.

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