Jiří Daníček

Anděl & rukavice – Engel & Handschuh

„Fürst Josef Antonius Leopold, Herzog…“ Die Alte buchstabierte langsam und mit Mühe die Inschrift auf dem großen Findling, der schon zur Hälfte in den Boden eingesunken war. Sie stand inmitten der gemähten Brennnesseln, die in der Mittagssonne schnell welk wurden, eine kleine, zierliche alte Frau in ausgeblichener Arbeitskleidung. Als sie damit fertig war das Moos abzuschaben, das den Stein und die darin eingemeißelten Worte überzog, wischte sie die Klinge der Sichel mit einem Zipfel ihres blauen Kittels ab und machte sich wieder an die Arbeit. Mit der linken Hand, die durch einen Lederhandschuh geschützt war, griff sie immer ein paar hohe Nesseln auf einmal und versuchte sie dann mit der Sichel abzuhacken. Die Stängel waren unten stark und holzig, die Sichel rutschte immer wieder von ihnen ab, einige zerknickte sie nur. Diese mussten dann mit beiden Händen herausgezogen werden, was beschwerlich war; oft bekam die ungeschützte Rechte die sauer brennenden Blätter zu spüren. Die Alte mühte sich, bis um den Stein herum ein weiter, von dieser Plage, wie sie die Brennnesseln nannte, befreiter Kreis entstand. Dann blickte sie auf ihre Uhr, drohte dem Unkraut, dessen lange Stiele ringsum gleichgültig wogten, mit der Sichel und ging, um sich auszuruhen. Sie setzte sich am Stein nieder, lehnte sich an und verrieb Speichel auf ihrem Handrücken, der mit weißen, rot umrandeten Bläschen übersäht war. Sie machte es sich in der Sonne bequem, der aufgeheizte Stein wärmte ihr den Rücken, der Mund ging auf, die Augen fielen zu.

Der Stein wuchs aus der Erde. Ein weißer Hirsch kam aus dem Dickicht, preschte dahin und entfernte sich dennoch langsam, mit großen Sprüngen stieg er auf, über die Hecken, die den Garten in gleichmäßige Rechtecke teilten, weiß, er war ganz weiß. Und dann blieb er plötzlich stehen, hoch über dem Boden, wandte den Kopf zum Stein und verharrte.

Von der anderen Seite näherte sich ein Reiter. Er zog seinen Säbel und zeigte mit der gekrümmten Spitze auf die Inschrift. Die Alte buchstabierte: „Fürst Josef Antonius Leopold…“

„Und weiter nichts?“ fragte der Reiter streng, spornte sein Pferd, und das sprang auf den Stein, bäumte sich auf, die Vorderhufe über der armen Frau. Der Reiter stand aufrecht in den Steigbügeln, den Säbel hoch überm Kopf.

„Ich hab‘ meine Brille vergessen“, flüsterte die Alte …

Marie!“

Der Stein sank wieder ein. Die Alte leckte sich die verbrannte Hand und blinzelte aufgeschreckt in gleißendes Licht.

„Du würdest wohl immerzu schlafen“, sagte das gleißende Licht.

„Sei nicht böse, Rosa, ich habe gearbeitet.“ Sie deutete um sich auf die vom Unkraut befreiten Stellen und zeigte Rosa auch den freigelegten Teil der Inschrift:

„Sei nicht böse.“

„Ach du“, Rosa winkte ab, doch sie war nicht wirklich verärgert. Sie lächelte ohnehin immer. Sie hatte schon so ein Gesicht, ein breites, altes, lächelndes. Sie brachte die Brotzeit. Die Großmütter kauten an ihren Buttersemmeln, tunkten sie in die Becher mit Zichorienkaffee aus der blauen Emaillekanne und erzählten sich. Die großen roten, auf die Kanne aufgemalten Blumen lockten eine Hummel an; geräuschvoll versuchte sie dorthin vorzudringen, woher der süße Duft kam, durch den kleinen Spalt zwischen Rand und Deckel. Marie verscheuchte sie mit einem Taschentuch.

„Von euch gibt es nicht mehr viele“, sagte sie ihr zum Abschied, als sie sie aus dem Blick verlor. Die Augen machten nicht mehr mit. Aber den Berg, den hohen felsigen Berg hinter dem Fluss auf der anderen Talseite konnte sie immer noch gut sehen. Oder erinnerte sie sich nur so gut an ihn? Das ganze Leben hatte sie ihn vor Augen gehabt.

„Ich sehe manchmal“, erzählte sie Rosa, „wenn ich mir abends vor dem Schlafengehen das Haarnetz richte und in den Spiegel schaue, den Berg vor mir, als wäre er hinter mir.“

Beide hoben den Blick und schauten zum riesigen graublauen Fels, der hoch über den segelnden Vögeln hing und in das Tal hinaus eine Stille strahlte, die offensichtlich eine eigene war, losgelöst von der Stille des Sommernachmittags, eine verschwiegene, andere Stille.

„Guck du nur in den Spiegel“, lächelte Rosa. Immer lächelte sie.

„Schau lieber einmal ins Fenster, da hinten, ins Gartenhaus. Du wirst schon sehen. Du wirst den Gärtner vor dir sehen, wie er Holunderwein trinkt, er trinkt gleich aus zwei Gläsern, und wie er immerzu nachschenkt. Eins für sich und eins für Andělka. Trink, Andělka, lächele“, lächelte die gute Rosa und spuckte aus. Ein grünes Blatt federte unter dem weißen Speichel, der langsam, ganz langsam gen Boden troff.

„Es ist Sommer, Rosa“, sagte die Alte traurig und presste die juckende Hand an die Lippen.

„Wie du meinst.“ Rosa steckte Kanne und Becher in eine Plastiktüte, verschnürte am Rücken die Bänder ihrer Schürze und ging langsam wieder. Nach einigen Schritten drehte sie sich noch einmal um: „Im Frühling wird ihr der Rock zu kurz, deiner Andělka.“ Jetzt lächelte sie nicht mehr. Sie nahm vom Boden einen Rechen auf, stützte sich schwer darauf und murmelte vor sich hin: „Ihr wird es genauso ergehen wie uns. Die Dumme…“

Rosa war eigentlich keine gemeine Frau.

Die Alte blieb alleine am Stein zurück. Sie betrachtete angestrengt die weißlichen Kerben der Zähne, tiefe Abdrücke zwischen den blauen Adern. Dann las sie die Inschrift erneut und wandte sich langsam, gegen ihren Willen, dem Gartenhaus zu.

Sie schaute lange hin, konnte gut durch die Holzwand sehen. Sie sah die Enkelin, die fröhlich lachte. Der Gärtner knöpfte ihr die Bluse auf, und sie wehrte sich ein bisschen – „Aber, Herr Gärtner“ – wirklich nur ein kleines bisschen. Das Glas mit dem Holunderwein kippte um, dicke gelbe Tropfen liefen über den Holzboden, so ein schöner Duft, schöner Tag, warm, sommerlich.

Es ist nicht gut für die Augen, in die Sonne zu blicken. Sie werden rot und brennen, wie die Nesseln.

„Fürst Josef Antonius Leopold…“, las Marie erneut. Ein bisschen drehte sich ihr der Kopf, als sie zum ersten Mal mit der Sichel ausholte, aber das verging bald. Die Brennnesseln fielen langsam und ergeben zu Boden, der Kreis um den Stein wurde größer, und hinten über dem Berg zeigte sich eine erste weiße Wolke. Die Alte sah nicht hin, aber sie wusste, dass sie da war. Sie wusste auch, wer am Stein stand und was er sie fragen würde.

„Möchtest du einschlafen oder aufwachen, Marie?“

„Ich habe so Appetit auf etwas Holunderwein“, antwortete sie. Sie packte ganz unten den Stiel einer langen Brennnessel und streifte mit einer schnellen Handbewegung alle Blätter ab.

Der Engel lächelte, hob den über der Inschrift abgelegten Handschuh auf und flog fort.

 

(Aus dem Tschechischen von Daniela Pusch)

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