Joost de Vries

Wie man einen Eisbären erlegt

1.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich erhielt eine Einladung und ich nahm sie an.

Der Vollständigkeit halber muss ich hinzufügen, dass die Einladung nicht persönlich an mich gerichtet war, vielmehr sind die Redaktionsräume des Groene Amsterdammer – seines Zeichens unabhängiges Wochenblatt seit 1877 – eine wahre Schatzkammer, versehen mit personenunabhängigen E-Mail-Adressen, überquellenden Postfächern, Sekretärinnen in Frührente, beurlaubten Redakteuren, ungeöffneten Briefen, ausgedruckten E-Mails, die nie jemand aus dem Drucker nimmt. Und wie manche Schweine darauf abgerichtet sind, Trüffel zu erschnuppern, so habe ich eine feine Nase für besondere Pressereisen entwickelt. Und so ging ich Anfang November an Bord eines Kreuzfahrtschiffes der Delta-Klasse, das zu einer dreiwöchigen Pressetour in die Arktis aufbrach – obwohl ich zuvor noch nie auch nur ein einziges Wort über den Klimawandel geschrieben hatte.

Am Kai in Rotterdam erwartete mich ein freundlicher Herr, der sich als Herbert vorstellte. Er trug einen Bart ohne Schnäuzer und eine dieser Fischerjacken mit unzähligen Taschen. Zwar war er nicht der Kapitän, aber der Empfang war nicht weniger herzlich.

„Willkommen. Willkommen an Bord!“

Von der Gangway winkte ich den Menschen am Kai zu, nicht als würde ich abfahren, sondern als käme ich zurück, als hätte ich das Abenteuer schon bestanden, den Minotaurus erschlagen, die Quelle des Nils bereits entdeckt, ich winkte, als hätte ich einen Zettel, auf dem „Peace for Our Time“ stünde, den ich Hitler in München höchstpersönlich abgerungen hätte.

Es waren Vorträge angekündigt und auch fürs leibliche Wohl würde gesorgt werden. Ich war voller Vorfreude. Auch hatte man mir eine eigene Kabine zugesichert. In diese würde ich mich zurückziehen, ich würde die Ruhe wiederfinden, die mir in Amsterdam verlorengegangen war. Ich würde durch die kleinen, runden Fenster das Meer sehen, Seehunde und Wale, die Eisschollen, die wie große weiße Glasstücke ruhig auf dem Wasser trieben, und ich würde Worte finden, die mir ansonsten niemals eingefallen wären.

Ich hatte den britischen Essayisten Geoff Dyer im Kopf, der an Bord der George W.H. Bush ein kluges, auch ironisches Buch über die Miniaturgesellschaft geschrieben hatte, die so ein Flugzeugträger beherbergt. Oder den verstorbenen David Foster Wallace und dessen berühmtestes und intelligentes Essay über seinen Aufenthalt auf einem All-inclusive-family-fun-cruiseship in der Karibik: „A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again.“ Auf jeden Fall würde ich eine der wunderbaren, melancholischen Szenen aus Evelyn Waughs Brideshead revisted nachempfinden, in der der Erzähler, Charles Ryder, und Lady Julia Flyte auf einer luxuriösen Transatlantik-Kreuzfahrt einander endlich im Sturm in die Arme fallen können, während die Ehepartner von beiden seekrank im Bett liegen.

It was no time for the sweets of luxury; they would come, in their season, with the swallow and the lime flowers. Now on rough water there was a formality to be observed, no more. It was as though a deed of conveyance of her narrow loins had been drawn and sealed. […]

We dined that night high up in the ship, in the restaurant, and saw through the bow windows the stars come out and sweep across the sky as once, I remember, I had seen them sweep above the towers and gables of Oxford. [...]

‘Oh dear’, said Julia. ‘where can we hide in fair weather, we orphans of the storm?’”

So sah ich es vor meinem inneren Auge – aber die Realität wollte es, dass das Volumen meiner Kabine irgendwo zwischen einer großen Badewanne und einem mittleren Kühlschrank lag, mit entsprechendem Mikroklima. Die vom Koch zubereiteten Mahlzeiten basierten auf Trockennahrung, die mit kochendem Wasser übergossen wurde, jede Lesung, die ich mir anhörte, thematisierte aufs Neue, wie die Erde durch den Klimawandel den Bach runterging, und wie sehr das unsere Schuld war. Nach drei Tagen verließ ich meine Kabine nicht mehr, ich versteckte mich unter der Bettdecke. Ich las ein dickes Buch, was mich noch depressiver machte, und in anderthalb Tagen aß ich alle rationierten Tütchen mit Süßigkeiten. Eigentlich hätten sie drei Wochen reichen sollen. In dieser Miniaturgesellschaft war ich verwaist, an orphan of the cold.

Hier, an Bord dieses kalten Dreckskahns, erreichte mich die Nachricht von den Anschlägen in Paris. Das Internet war langsam, unser kulturelles Zentrum stand in Flammen und die Eilmeldungen tröpfelten nur Pixel für Pixel auf meinem Laptop ein.

Ich fühlte mich wie Platos Höhlenbewohner, allerdings zudem taubstumm und blind, ich konnte die Flammen nicht sehen, ich sah die Schatten nicht und doch versuchte ich die Konturen zu erkennen, von dem, was noch kommen sollte.

Ich dachte über die Maßnahmen gegen den Terror nach, über die Gier des Populismus, über die Erfindung des so genannten Sharia-Dreiecks im Schilderswijk in Den Haag und darüber, dass der Journalist, der sich diese Mär eines islamisch-radikalisierten Stadtviertels ausgedacht hatte, eine Art Houellebecq-mit-anderen-Mitteln war, als jemand rhythmisch an meine Tür klopfte.

Es war Herbert. Er trug eine Lesebrille an einem Faden um den Hals und drehte sich mit schwieligen, knochigen Fingern eine Zigarette. Er sagte: „Es ist vollkommen egal, wenn Schilderswijk in achtzig Jahren tatsächlich radikalisiert sein wird. Wenn es mit dem Nordpol so weiter geht, ist Den Haag dann sowieso schon lange abgesoffen.“

Plötzlich wurde mir klar, dass ich keine Wale sehen würde, keine Seehunde, keine Eisbären. Nur weiße Eisberge, die im schwarzen Wasser wegschmelzen, wissend, dass das schwarze Wasser immer gewinnen würde. Als ich aus meiner Luke schaute, dachte ich nicht mehr an Foster Wallace oder Evelyn Waugh, sondern an die Anfangszeilen von Zuidland von P.F. Thomése: „Wenn er seine Augen schloss, konnte er das Meer rauschen hören. Er wusste sicher, wenn Gott eine Gestalt hätte, dann würde es die des Meeres sein, sinnlos hin und her schwappend in Seiner Unermesslichkeit.“

 

2.

Am 18. März 1987 schickt Frans Kellendonk eine Postkarte aus Curaçao an den Journalisten Willem Oltmans:

 

„Hier gibt es einen Bettler, der mich jeden Morgen um einen Gulden bittet. ‚Werde ein Held!‘, sage ich dann. ‚Erobere eine Insel, verdiene dir ein Denkmal. Werde unabhängig!‘ Davon hält er gar nichts. ‚So wie Suriname wahrscheinlich – gibt mir lieber einen Gulden, Chef.‘

Was für eine fantastische Insel, dieses Curaçao, auch wenn es keinen klaren Status hat. Wir müssen es einfach behalten, meine ich, als tropisches Hinterland.

Viele Grüße, Frans Kellendonk.“

 

Es ist vielleicht etwas respektlos, dass ich von allen hochtrabenden, literarischen und intellektuell gestimmten Briefen ausgerechnet diese eher beiläufige Postkarte zitiere. „Werde ein Held!“ Aber wie der Zufall will, habe ich auf dem Weg zum Pol viel über Helden nachgedacht. Auf unserem Klimaschiff hieß es mittlerweile: „Land in Sicht“. Vom Deck aus konnte ich es sehen – Herbert hatte mir sein Fernglas gegeben, ich fühlte mich fast schon wie ein Pirat. Mit kleinen Boten gingen wir ein paar Stunden später an Land, betraten Amsterdamøya, eine kleine Insel im Spitzbergen-Archipel. Natürlich war es kalt, die Landschaft flach, wegen des scharfen Windes vom Meer her und der Kälte konnte hier nichts wachsen. Der Boden fühlte sich unter dem Schnee vermoost an. Ich hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten, vielleicht lag das aber auch an meinen ungelenken Seemannsbeinen.

Herbert kam aufgeregt auf mich zu. Sein Bart schien plötzlich dichter, als hätte er ihn gebürstet. Im siebzehnten Jahrhundert, so erzählte er, hatten niederländische Walfischfänger auf dieser Insel ein Fabrikgelände angelegt, wo sie die Wale aus Grönland kochten, in enormen Kesseln, um so das Fett aus dem Walspeck zu gewinnen.

„Hast du schon einmal von Smeerenburg oder Schmierenburg gehört?“, fragte er.

Das hatte ich, aber nur aus dem Grund, weil ein Heft der Comicreihe Gilles de Geus so hieß. Alles, was ich über den Achtzigjährigen Krieg weiß, habe ich nämlich aus Gilles de Geus.

„Man nannte diese Inseln 'Smeerenburg', weil die Tranproduktion eine unvorstellbar widerliche Arbeit war, aber die gerade erst gegründete Republik der Niederlande konnte viel Geld damit verdienen.“

Herbert erzählte weiter. Jetzt erst kapierte ich, dass er Pol-Archäologe war. In den achtziger Jahren hatte er in den Sommern an einigen langen Ausgrabungsprojekten teilgenommen, wobei „Sommer“ ein dehnbarer Begriff ist: Zwischen Mai und September steigt die Temperatur hier zwar über den Gefrierpunkt, aber niemals wesentlich über Null, und auch niemals wirklich lange. Das Wetter kann jeden Moment von sonnig und ruhig umschlagen in einen dichten Schneesturm. Herbert deutete auf die Thermoanzüge, die wir beide trugen – seiner war moosgrün, der von mir violett (ich sah wie der eine Teletubby aus, jener der meiner Meinung nach homosexuell ist) – während der Ausgrabungen hatte er seinen Anzug drei Monate lang nicht ausgezogen.

Bemerkenswert war, dass sie einige niederländische Walfänger, Speckschneider, Transieder und Zahnreißer gefunden hatten, die damals hier begraben worden waren. „Junge Kerle in deinem Alter“, sagte er, „häufig noch jünger, erst in den Zwanzigern.“ Aber auch Männer seines Alters, in den Sechzigern oder sogar noch älter. Viele der Skelette wiesen Knochenbrüche auf – die Seemänner stürzten von Masten, schlugen mit Hämmern auf ihre Daumen etc., man konnte erkennen, wie ein Knochen gebrochen und dann wieder zusammengewachsen war, woraufhin die Seemänner, ein wenig krummer und steifer, einfach weiterarbeiteten. „Und rate mal, was wir nicht gefunden haben?“, fragte er.

Arktische Kleidung. Sie hatten zwar Mützen gefunden, aber keine dicken Jacken oder lange Unterwäsche. Keine Stiefel. Die Walfänger trugen auf Spitzbergen das Gleiche wie in Den Helder oder Den Briel.

„Froren sie denn nicht?“, fragte ich, ganz der fachkundige Journalist.

Jetzt lächelte er über das ganze Gesicht, als würde ich nichts über die Walfänger erfahren, sondern vor allem etwas über ihn selbst. Natürlichen froren sie. Und natürlich brachen sie sich die Beine – aber das war es wert. Die Niederländer hatten ihre Gesundheit riskiert, um hierher zu kommen, um ihr Brot zu verdienen. Ohne Selbstmitleid und ohne Wintermantel. Sie beklagten sich nicht.

„Ich möchte auf keinen Fall wie unser ehemaliger Ministerpräsident Balkenende klingen“, sagte Herbert. „Bei ihm hört man eine Einstellung à la Ostindienkompagnie heraus. Man kann heutzutage nicht mehr über diese Zeit sprechen, ohne auch über Sklaverei zu reden, über Ausbeutung, und so weiter. Aber wir haben da ja unsere Ur-Urgroßeltern ausgegraben, das hat mich schon bewegt. Ihre Einstellung. Felsenfest.“

Von den Fettöfen war nur noch wenig zu sehen, nur eine Anordnung verwitterter Steine. Auf der anderen Seite der Bucht ragten einige kantige Berge aus dem Wasser. Der Schnee veränderte sich, das Eis, die Farbe des Meerwassers, Flora und Fauna – aber die dunklen, kantigen Berge waren noch genau dieselben wie zur Zeit von Smeerenburg, das war das Einzige, was meine Vorfahren und ich teilten, eine Postkarte aus der Vergangenheit.

 

3.

Zum Thema Helden: Wir leben in einer Zeit der Opfer. Damit meine ich noch nicht einmal die Uiguren in China oder die Jesiden in Syrien. Wir sind Opfer, Sie selbst, genauso wie ich. Die Meinungsseiten diverser Zeitungen bezeugen es jede Woche.

Ich rede nicht von den Artikeln der Experten und Fachleute. Ich meine die Kommentare, in denen Leute deutlich machen, dass sie sich in ihrem persönlichen Leben bedroht fühlen – von multinationalen Unternehmen, von Banken, von Boni und der Psychologie in deren Kielwasser, von reichen Russen und Chinesen, die historische Innenstädte aufkaufen, von Kaffeeketten, die im Zuge der Gentrifizierung die authentische türkische Bäckerei aus der Straße verdrängen, von Hipsterläden, die dann dort einziehen und sich ironisch „Zum Türken“ nennen, von Leugnern des Klimawandels, vom Schönheitsideal und jeder Marke, die daraus Profit schlägt, von Entitlement, Mansplaining, White privilege, Cultural appropriation, von jedem, der respektlos oder politisch nicht korrekt ist, Gender, Herkunft oder Glauben nicht mit Achtung behandelt.

Die Parteien gewinnen ihre Wähler nicht mit einer Vision, wie sie die Welt gerne hätten, sondern damit, von wem oder was wir uns bedroht fühlen. Sag mir, was du fürchtest, und ich sage dir, wen du wählen musst. Fühlen Sie sich von jungen Menschen bedroht? Wählen Sie dann die Partei 50PLUS. Haben Sie Angst vor dem Big Business? Wählen Sie GrünLinks. Fürchten Sie die Bio-Industrie? Wählen sie die Partei für die Tiere. Fühlen Sie sich wie ein Ertrinkender in einem Meer aus subventioniertem Multikulti? Dann ist die PVV von Geert Wilders Ihr Rettungsboot – entschuldigen Sie die maritimen Metaphern, aber die PVV spricht nun einmal gerne von Tsunamis.

Wenn wir in einer Zeit des Opferseins leben, dann leben wir unwiederbringlich in einer Zeit des kultivierten Opferseins. Wir bauen unsere Identität aus dem, von dem wir glauben, dass es uns bedroht. Und je mehr wir uns bedroht fühlen, desto mehr Identität gibt es uns – wenn dies hier nicht die Zeit der Identität ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

In seinem Neujahrsessay schrieb Bas Heijne in der Tageszeitung NRC über die „Atomisierung von Identitäten, die ihre Kraft aus der Opposition generieren. Jede Äußerung wird zu einem Protestschrei, zum Zeichen der Verweigerung und der Empörung. Diskussion und Dialog werden ausgeschlossen.“ Ich merke das, wenn ich samstags Facebook und Twitter checke und die ersten zig Mitteilungen stammen von Menschen, die in der Samstagszeitung etwas gelesen haben, durch das sie sich persönlich beleidigt fühlen. Ich merke es auch an der eingehenden Post: Vor fünfzehn Jahren erreichten De Groene Amsterdammer vor allem böse Briefe zur Israelisch-Palästinensischen Frage, wobei man den Journalisten im gleichen Maße vorwarf, von der PLO beziehungsweise vom Mossad Schmiergeld zu bekommen – wenn das stimmen würde, wären die Mitarbeiter der Zeitschrift die bestbezahlten Journalisten der Niederlande gewesen und das hätte, so wage ich zu prophezeien, für einen Paradigmenwechsel in der niederländischen Journalistik gesorgt.

Heutzutage bekommen wir vor allem Briefe, wenn wir die Empfindlichkeiten bestimmter Gruppen nicht beachtet haben, wenn wir Begriffe wie weiß, behindert, schizophren, Ausländer oder Einheimischer nicht exakt nach dem Empfindlichkeitsbarometer der jeweiligen Woche verwendet haben. Wenn wir hellhäutige Menschen „weiß“ genannt haben, oder schwarze Menschen „schwarze Menschen“, statt „dunkelhäutige Menschen“, oder dass wir dunkelhäutige Menschen „dunkelhäutige Menschen“ genannt haben statt „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ – und wenn man die Formulierung „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ benutzt, kommen Briefe, dass das Unsinn sei, Schwarz sei Schwarz und Weiß Weiß.

In den USA und Großbritannien spricht man schon länger von einer „Opferkultur“ – vor allem an den Universitäten, wo alles potentiell beleidigend sein kann, geht man zu konkreten Aktionen über. Die neue politische Korrektheit manifestiert sich auch darin, dass jedes Wortspiel wörtlich genommen wird, jegliche Ironie übersehen wird. Man schwelgt im eigenen Opferstatus, versucht geradezu, überall Beleidigungen zu entdecken. So demonstrierten Studenten im Vorgarten eines Jura-Dozenten der Universität von Kalifornien, weil er einen Rechtschreibfehler in einem Text eines Studenten markiert hatte, der irrtümlich „indigenous“ (indigen, einheimisch) mit einem Großbuchstaben geschrieben hatte. Die Demonstranten hielten dies für eine Diskriminierung, denn in ihrer persönlichen Ideologie erforderte ein Begriff für einheimisch geradezu einen Großbuchstaben.

Soziologen diagnostizieren, dass insbesondere der Universitätscampus alle Rahmenbedingungen erfüllt, die nötig sind, um eine solche Opferkultur zu erzeugen: eine kleine, relativ geschlossene Umgebung, bevölkert von Mitgliedern, die weit weg sind von ihren traditionellen „Familien, Stämmen oder Clans“, bei denen es zwar Diversität und Ungleichheit gibt, deren Mitglieder jetzt aber fast gleich sind. Zusammengefasst: Obwohl Studenten alle möglichen kulturellen oder ethnischen Hintergründe haben können, werden sie nun letztlich alle Studenten, die Hierarchie unter ihnen ist begrenzt. Gerade durch dieses hohe Maß an Gleichheit werden kleine Beleidigungen sehr ernst genommen, denn sie verletzen eben diese Gleichheit.

Aber können wir, wie die Soziologen argumentieren, nicht auch die These aufstellen, dass wir, mit unseren fortwährenden Identitätsbekundungen, nicht auch innerhalb der Rahmenbedingungen einer Opferkultur leben, in einem geschlossenen Weltbild? Gewiss, wenn wir schauen, wie wir Kultur konsumieren. Wir umgeben uns bewusst oder unbewusst mit zahlreichen Followers, die die gleichen Interessen haben, die gleichen Nachrichten teilen, die gleichen politischen Einstellungen haben, die zu den gleichen Stimmungen neigen. Hundert Fernsehkanäle kann man empfangen – wir schauen nur Programme an, die unserer Empfindlichkeit entsprechen. Es gibt so viele Zeitungen, Blogs und Nachrichtenseiten und wir wählen nur diejenigen aus, die zu unseren Überzeugungen passen – oder wir scrollen durch den Onlinekiosk Blendle und lesen doch nur das, von dem wir im Vorhinein schon wissen, dass es uns interessiert. Wir hören kein Radio mehr, sondern Podcasts; alles ist individuell angepasst. Das eigene Weltbild wird von tausend selbstgewählten Spiegeln reproduziert. Du musst dich nie wieder mit etwas auseinandersetzen, mit dem du dich nicht auseinandersetzen willst.

Und: Mehr denn je greifen wir zu Romanen, die uns genau das erzählen, was wir lesen möchten, statt das, was wir lesen sollten.

Das ist die Brücke zur Literatur, auf die Sie sicherlich schon gewartet haben. […]

 

(gekürzt, den gesamten Text können Sie in OSTRAGEHEGE 86 lesen)

Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek  

 

Diese Publikation wurde mit finanzieller Unterstützung des Niederländischen Stiftung für Literatur ermöglicht. This publication has been made possible with financial support from the Dutch Foundation for Literature. Die Redaktion von OSTRAGEHEGE bedankt sich ausdrücklich für diese Kooperation.

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