Kurt Drawert

Alles neigt sich zum Unverständlichen hin

Neue Gedichte (new poems)

 

§ 3) Das verfluchte Objekt a.

 

Tatsache ist: Irgendetwas schleift mich täglich an den E.-/

Meistens über die Theke meiner Bank-connection. Wegen

eines fehlenden (ich weiß es auch nicht) Betrages. Der frisch

 

gesiebte Ochsenhoden, vielleicht. Noch gar nicht erwacht,

fragt mich eine Stimme nach meiner Potenz. Weiblich vor-

installiert. Da sage noch einer, der Seinsgrund sei phallisch.

 

Nach İstanbul fahre ich nicht (diesen Herbst). Ich sollte auf

einer Buch-/messe sagen, dass es meine Sprache noch gibt.

Und ausgerechnet im Ausnahme-/zustand. Wie ich. Vom Sub-

 

jektrest betrachtet. Nach Zusammenhängen suche ich nicht

mehr. Wer schweigt, wird verhaftet. Wer redet, auch. Das ist

die Lage, metaphorisch betrachtet. Eben ist es dunkel geworden.

 

Von dem einen auf den anderen Gedanken. Nachtschwarz. So

ohne Liebe, wenn ich am Herd mir meine Brühe bereite. Immer

fehlt etwas. Auch wenn nichts fehlt. Die Sache mit Klara ist

 

für mich unten durch. Ich weiß auch nicht, wieso ich dachte, es

würde das Gegenteil von etwas geben, dass mir täglich (siehe

Vers 1). Wer a sagt, muss auch / nichts weiter tun. Das Objekt

 

des Begehrens heißt ebenso. Klein geschrieben, wie alles, was

unerreichbar in der Nähe sich findet. Ich will nicht „unken“,

aber, es gibt wirklich keinen Bodensatz mehr, der einen Satz

 

uns auf den Boden stellt. Das war ein Schüttelreim. Peinlich.

Also anders + noch einmal: der Kontinent ist kontingent. Das

war eine Alliteration. Peinlich. Also anders + . Die Sprache

 

führt uns zur Wahrheit, sobald sie sich durch alle Täuschungen

hindurchgelogen hat. Aber es dauert. Auch hier. Dagegen kann

keiner irgendetwas tun. Denn gnadenlos wahr wird die Sprache,

 

wenn man sie lässt. Auch Gott ist sprachlos, wenn es soweit ist.

Es gib tatsächlich Orte, da fallen Name und Wahrheit zu-

sammen. Ein Grabstein, zum Beispiel. Genau das wollten

 

wir sagen. Die Zeit dafür ist sehr ungleich bemessen. Wer

keine Uhr hat, bekommt es nicht mit. Als Klara noch mit

ihrer Fischsuppe kam, genau wie jetzt, an einem Tag ohne

 

Kenntnis, war es mir auch so zumute, wohl auf unheimliche

Weise. Die fröhliche Welt der Verkennung. Was dann kommt,

erleben wir jetzt. Unschön, freundlich gesagt. Der Wald mir

 

gegenüber krümmt sich vor Lachen. Ein Baum zeigt mit dem

Stinke-/finger auf mein Spiegelbild im Glas. Die reine Ant-

wortlosigkeit nimmt auch zu. (Tautologien bitte metaphorisch

 

verstehen.) Aber wenigstens strengt das Sprechen nicht an,

wenn es nur für sich selbst bleibt. Und üppig fallen die Blätter

aus dem Überich der Natur. Überall, auch auf den Seitenwegen,

 

abschüssig. Gold war einmal. Vor der Digitalisierung auch der

Jahreszeiten. Wer spricht, wenn ich spreche? Keine Erklärung.

Keine Vermutung. Die reine Antwortlosigkeit. Zu vieles wohl

 

ist schon verpasst. Die innere Umstellung auf Außentempera-

turen. Der Verzicht auf den Verzicht auf sich selbst. Ich aus-

zulöschen. Eine Variante der Überschüsse, subjektiven Ab-/

 

sonderungen, über-/flüssig (wenn einer nichts denkt). Dann

der 9. November, der politische Kurzschluss. // – „Haben Sie

es auch kommen sehen, dass das Undenkbare kommt?“ // Wer

 

niemals eine Sprache hatte, hat jetzt erst recht keine mehr. Die

Seite bleibt leer, auf der sonst die Prognosen standen. Treu

bleibt uns die Dunkelheit. Der Himmel stürzt in sein geöffnetes

 

Grab. Ein Engel steht nicht vor der Tür. Es sei denn, er wäre ge-

fallen. Die Signifikanten drängeln, reißen sich gegenseitig um.

Was für Kriege sind diese Kriege. Etwas zu lieben ist vorerst

 

nicht zu erwarten. Wo auch. Im Nebel des Bildschirms. Der Riss

im Gewebe, das ist die Wahrheit, die es zu verschweigen gilt.

Noch immer sind die Sätze zu lang. Ich verstehe es nicht, was

 

in mir spricht und warum. Die Welt hat sich in Bilder zer-/legt,

in arbiträre Piktogramme, in kleine Zeichen am Toilettenhäus-

chen. O je. Das war eine Interjektion, nah an der Schriftlichkeit,

 

ein Kreuzschnitt, der Reales und Symbolisches verbindet. Sonst

bleibt es nach wie vor dunkel, auch wenn es hell ist. Meine Tage

zählen sich selbst. Mein Einfluss auf mein anderes Leben, als 1

 

Subjekt, das signifiziert, signifikant zu sein, ist heute, am zwan-

zigsten November, plus/minus null. Mein vorletztes Buch

bleibt überall zurück, wie eine Blutspur nach dem Verbrechen

 

(aus Liebe). Es muss → verdrängt werden. Sein Schmerzens-

abgrund, sein Sein im Zentrum der Leere. – „Mutter, warum

nur hast du es geboren und wozu.“ Scheinbar scheint jetzt die

 

Sonne. Über einem Hügel, auf dem nichts seinen Platz vor-

findet, was etwas ist. Darum auch die Sehnsucht nach Orten,

die mich empfangen. Bis heute aber blieb es immer bei einer

 

Reise. Wo-/hin. Gern schreibe ich nichts mehr. Es ist nur eben

so sinnlos. Ebenso wie, es zu tun. Völlig sinnlos. Das Fenster

ist auch wieder schwarz. Wie ein Buchstabe, auf weißem Blatt

 

Papier. Wenn ich wüsste, wie sie weitergeht, diese Geschichte

meiner äußeren Zeit, wo auch die Fäulnis beginnt. Andererseits.

Die Vergeblichkeiten nehmen zu, die Zeit des Bleibens ver-

 

schwindet. Andererseits. Das Leben steht sich selber ständig im

Weg. Andererseits. –„Wie ist die Sache mit deiner Blase eigent-

lich weitergegangen? Meine Kürbiskerne, haben sie gefruchtet?“

 

Ich muss jetzt dringend etwas kaufen. Es gibt sie wieder, diese

Anfälle. Manchmal auch nachts. Der Heißhunger auf 1 paar ge-

füllte Signifikanten. Abfälle bleiben immer zurück. Manchmal

 

sind nur sie es, die noch mit mir reden. Und auch das eher un-

gern. Wäre doch mein Schreibtisch nur etwas weicher, wie eine

M., dann würde auch ich länger arbeiten wollen. Aber so, so

 

kalt. Wie meine Erfahrung. Mit der Geschichte. Der Liebe und

der Verwerfung. Die Dinge des Bleibens und Gehens kommen

immer zusammen. Zusammen kommen sie. Zusammen gehen

 

sie. Ich wüsste gern, ob du noch lebst, wenn du so unterwegs

bist, verlassen wie ich. Max Bruch. Ich wusste nicht, wie schön

er was erfunden hat. Immer nur Mahler. Immer nur der Bospo-

 

rus. Immer und immer wieder, nur du. Und was daraus wurde.

Nichts. Die Sonne steigt herab. Gleich ist Weihnachten. Sagen

die anderen. Ich rede mit mir, als wäre noch jemand in meinem

 

Haus. Die Ein-/bildungen nehmen zu, mit jeder Stunde, die ver-

lorengeht. Ein Echo / wäre auch schön. Aber leider. Übrigens,

ich hatte noch 1 Buch geschrieben, ehe ich stumm vor mich hin

 

sah. Wer kann, könnte es lesen. Aber. Zu viel Verpackung an

dieser (meiner) Text-/erscheinung. Aber. Mein Augenarzt las.

Danach wurde er blind. Jetzt ist der Himmel eine rote Sub-

 

stanz. Wie deine Öffnung (in die er hinein will). Diese Ab-/sicht

ist Rückkehr, Heimkunft. Es gibt diese Sekunde, in der wir alles,

alles haben. Sie ist der Punkt, an dem ein Kreis sich schließt. An

 

Liebe denke ich nicht mehr. Es war eine Zwangs-/vorstellung,

quälend, wie als ob. Bald werde ich gerufen. Ich denke stünd-

lich, jetzt. Es gibt eine kleine Versicherungssumme für meinen

 

Körper, nicht wirklich erheblich. Wie ich. Nicht wirklich erheb-

lich. Aber sie stört schon. Geld ist im Wege, wenn man sich

besser woanders hin hinbringt. An eine Plakatwand mit Tempo

 

einhundert, oder ins schöne Astwerk der Birke. Die Möglich-

keiten des Abgangs sind wirklich besser als jede Rendite, viel-

seitiger. → Soeben erreicht mich eine sehr gute Nachricht →

 

Im Fall des Todes herrscht Steuerbefreiung vor dem Gesetz.

Jetzt ist es Zeit, zum Tier der Konsumtion zu werden. Jeden Tag

rauschen die Angebote (ins Haus). Fast alles kostet fast nichts.

 

Un-/glaublich, wie es der Mehrwert immer wieder schafft, bei

sich selber zu bleiben. Andernorts, von der Fernsehbrille keine

zwei Meter entfernt, fällt jemand jemandem zum Opfer. Da soll

 

einer keine Spaltungen haben (?). Krank sein ist das Gesunde,

würde ich sagen, im Zustand von (relativ) klarer Verfasstheit.

Das also war wieder ein Jahr. Ein neues liegt vor mir, wie ein

 

geschlachtetes Tier, wenn ich einen Vergleich finden müsste.

Muss aber nicht. Wirklich, es ist egal, ob wir mit oder ohne

Sprache ins Koma der Geschichte sinken. –„Sehen Sie, auch

 

in der Politik wird nur noch das Nötigste gefunkt, getwittert,

um bei den Fakten (facts) zu bleiben.“ Kommen wir auf unser

Objekt zurück, das immer schon verloren ist. Es vermehrt sich

 

auf erstaunliche Weise, im Überangebot, im absoluten Vorhan-

densein des Absoluten. Klingt wie etwas schief gewickelt, ist

aber nicht aus dieser Welt zu schaffen. Was gibt es noch, das

 

über die Ränder der Rede hinausfällt? Dass ich spreche, nur um

zu sprechen, damit ich es spüre, dass ich es spüre, wird sich si-

cher selbst anzeigen. Pause. Fenster öffnen. (Frische) Luft er-

 

werben. Auf dem Land(e), wo alles wild in alle Ecken abfeuert,

was aus dem Körper heraus muss, gar nicht so leicht. Überhaupt,

das Leben ist voller Vorurteile, das Gute + die Natur betreffend.

 

Im Grunde, mit Blick auf das persistente Schweigen, auch wenn

es noch so viel Lärm macht, das Rascheln des Windes im Laub,

hier handelt alles von nichts, ich meine, das Nichts an + für sich

 

                                                                                               wäre viel dagegen.

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