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Una Pfau Edmond Jabès
– vom Jude-Sein in Ägypten und Frankreich „Ein guter
Leser, das ist, zuallererst, ein sensibler, ein neugieriger, ein
anspruchsvoller Leser. Er folgt, beim Lesen, seiner Intuition. Die Intuition
– oder das, was man dafür halten könnte – liegt beispielsweise in
seiner unbewußten Weigerung, eine Wohnung ohne weitere Umstände durch
die große Tür zu betreten, durch jene, welche sich durch ihre Dimension,
ihre Eigenart und ihre logische Befindlichkeit stolz als der Haupteingang
darstellt und die dazu bestimmt und, von außen wie von innen, dafür
anerkannt ist, die einzige Schwelle zu sein. Sich in der Tür
zu irren heißt ja gewiß, jener Ordnung zuwiderzuhandeln, welche den Plan
der Wohnung bestimmt hat; die Anlage der Räume, die Schönheit und Zweckmäßigkeit
der gesamten Einrichtung. Doch welche Entdeckungsmöglichkeiten hätte ein
solcher Besucher! Denn der von ihm erstmals erschlossene Weg würde ihm
einen Blick auf das erlauben, was niemand außer ihm unter dem nämlichen
Gesichtspunkt wahrgenommen hätte. Dies um so mehr, als ich daran zweifle,
daß man auf ein geschriebenes Werk eintreten kann, ohne vorab sich selbst
den Zugang dazu verschafft zu haben. Man muß schon
des öftern in die Irre gegangen sein, sich auf manche Wege begeben haben,
um schließlich erkennen zu können, daß man vom eigenen Weg niemals
abgekommen ist. Niemals wird
uns eine Tür, auf die wir, angetrieben durch irgendeinen verlorenen
Vernunftgrund, durch ein unersättliches Begehren, alles zu verlernen, zu
verschwinden im Abgrund, zugehalten hätten, getäuscht haben oder täuschen. Und dies ist
fraglos deshalb so, weil das Buch keine sichtbaren Türen hat und weil
ich, auf seine Ordnung, sein Gesetz verweisend, doch nur das lichtvolle
Vorrücken, Seite um Seite, des Autors und des Lesers meine, die beide zum
selben Abenteuer sich vereinigt haben und fortan für all ihre Schritte
allein rechenschaftspflichtig sind. Vergessen, um
zu wissen; wissen, um das Vergessen, zu seiner Stunde, vollzumachen. Der Ausgang gehört
niemandem. Der Zugang indessen ist ganz und gar unsre Sache. Und wenn diese
Wohnstatt in Trümmern läge? Und wenn diese Trümmer die Wüste wären?
Der gebrochene Stein und jedes einzelne Sandkorn würde dann für unsern
Durchgang bürgen.“ (Edmond Jabès: Vom Buch zum Buch, Carl Hanser Verlag, München, Wien 1989, übersetzt von Felix Philipp Ingold, S.11) Das Zitat enthält Gedanken über das Schreiben, über die Identität, über die Eigenart des Buches und die Stellungnahme des Autors dazu. Es sind poetische Texte, voll von Weisheit, Texte, die sich aber auch selber schreiben. Jabès hat sich oft über das Schreiben, über das Buch geäußert. In seine Überlegungen fließt auch jüdische Weisheit ein, obwohl er sein Judentum erst 1957 entdeckte, als er nach der Suezkrise aus Kairo nach Paris auswandern musste. Der Ägypter Edmond Jabès stammte aus einer Familie,
die im 19. Jahrhundert aus Griechenland eingewandert war. Am In den zwanziger Jahren veröffentlichte er Pamphlete
gegen Mussolini in der Zeitung „Die Freiheit“ und die ersten Gedichte.
1929 bis 1930 lernte er bei einem kurzen Aufenthalt als Student der
Literatur Paris kennen. Zurückgekehrt gab er gemeinsam mit seinem Bruder
Henri eine literarische und kulturelle franko-ägyptische Zeitschrift
heraus. 1930 bis 1932 wurde seine erste Gedichtsammlung in Paris bei Eugène
Figuière veröffentlicht. In diesen Jahren löste sich Jabès aus dem
rein ägyptischen Rahmen. Seine Veröffentlichung von „Die Füße in die
Luft“ (1934) zog die Freundschaft mit dem französisch-jüdischen
Dichter Max Jacob nach sich und eine Annäherung an die Ästhetik von Jean
Cocteau. Mit „Tragbare Dunkelheit“ von 1936 orientierte er sich an der
surrealistischen Ästhetik. 1937 traf er Paul Eluard in Paris. Im selben
Jahre nahm er auch am Kongress der ausländischen Schriftsteller französischer
Sprache in Paris teil, wurde Korrespondent der frankophonen ägyptischen
Dichter beim Sekretär der Académie Méditerranéenne. Er begann mit der
Niederschrift des „Sinnes des Schattens“. Um diese Zeit des
aufkommenden Faschismus fanden auch in Ägypten antisemitische
Demonstrationen statt. Er nahm an antifaschistischen Aktivitäten teil.
1945 nach Palästina geflüchtet, gründete er mit einigen Freunden „Die
französische Freundschaft“, eine Intellektuellengruppe, die von 1944
bis 1956 bestand. 1945 hielt er einen Vortrag über Max Jacob, der am Der erste Krieg von Ägypten gegen den neuen Staat
Israel brachte schwere Erschütterungen in Kairo mit sich. 1952 bis 1955
war ein Rückgang der Demokratie in Ägypten zu beobachten. Die
Rechtsprechung und die konfessionelle Presse wurden eingeschränkt. In
Kairo gab es antisemitische Ausschreitungen, die öffentlichen und
privaten Dienste wurden abgebaut. Im Oktober und November 1956 folgte die
Suezkrise. Alle frankophonen Aktivitäten wurden verboten, die kulturellen
Beziehungen mit Frankreich abgebrochen. In den Jahren von 1951 bis 1957
verschwanden zahlreiche Freunde aus dem intellektuellen frankophonen Kreis
von Kairo. Am Mit dem Weggang aus Ägypten besann er sich auf sein Judentum und schrieb in der Folge mehrere Bücher, in denen er Themen aus der jüdischen Tradition und auch den Holocaust behandelt, allen voran das „Buch der Fragen“, das 1963 erschien. Ein Bruch in seinem Werk ist vom Zeitpunkt seines Exils an sowohl in formaler als auch in thematischer Hinsicht festzustellen. Jabès war zwar jüdischer Abstammung, aber selbst areligiös, und erst das Exil, in das er als Jude zu gehen gezwungen war, führte dazu, dass er sich mit seinen Ursprüngen auseinandersetzte. Deutlich wird dies vor allem an thematischen Komplexen wie der ewigen Frage danach, was den Juden ausmacht, was es bedeutet, Jude zu sein, sowohl nach Herkunft wie nach Bestimmung bzw. dem Platz in der Gesellschaft. Das Fragen, das sich als eine Art Cantus firmus durch die Bücher von Jabès zieht, betrifft nicht nur die Juden selbst, sondern ganz zentral auch die Nicht-Juden in ihren Einstellungen gegenüber den Juden und, davon nicht zu trennen, sich selbst gegenüber. Darüber hinaus wird der Jude für Jabès zur Metapher für den Fremden, den radikal anderen, vor allem in seiner Haltung zur Schrift als einzigem Refugium, das immer Rätsel bleibt sowohl für den Schriftsteller wie für den Schreibenden als sich selbst im Schreiben Lesenden. Dieses in die Schrift flüchten ist eng verknüpft mit dem nirgends zu Hause sein, dem sich fremd sein, wie es namentlich im „Buch der Fragen“ bildlich dargestellt wird. Die Prosa von Jabès ist Dichtung. In seinem Werk, das sich über einen Zeitraum von über fünfzig Jahren erstreckt, stellt jedes Buch etwas ganz Neues dar, hat seine eigene Stilrichtung. Jabès hat sich in verschiedenen literarischen Formen versucht, Gedicht, Erzählung, Essay. Eine sehr wichtige literarische Form ist aber der Aphorismus, der unter dem Einfluss des Judeseins einen ganz neuen Charakter annimmt. Auffallend ist das Fragmentarische am Werk von Jabès, die Inkohärenz. In einigen seiner Bücher gibt es noch eine Handlung oder zumindest fragmentarische Anklänge an eine solche, vor allem aber zentrale Themen und Motive, um die herum sich die Texte entwickeln und durch vielfältige Verweise und Wiederholungen aufeinander beziehen. Die Texte führen auf diese Weise untereinander ein vielstimmiges Gespräch in Variationen, wodurch sie auf verschiedene Arten lesbar werden, einer linearen Lektüre jedoch eine Absage erteilen. Die bei Jabès eigentümliche Form des Aphorismus, in der Fragen und Antworten innerhalb eines und desselben Textes miteinander verschränkt sind, entwickelt sich daraus, dass Jabès erkannte, dass talmudische und kabbalistische Weisheit sich literarisch in ähnlichen Formen niederschlagen wie die avantgardistische Ästhetik eines Max Jacob, eines Georges Bataille, eines Paul Eluard, Michel Leiris, Maurice Blanchot oder Paul Celan. Es ist umgekehrt auch die Einsicht, in welchem Maße religiöse Texte poetisch verfasst sind. Jabès ist jedoch kein poetischer Rabbi. Aus orthodoxer Sicht käme sein Werk eher einer Profanation der mündlichen Thora gleich. Man kann ihn als Häretiker bezeichnen, doch das griffe zu kurz. Jabès wendet sich an die Fremden, die ihn zum Fremden gemacht, aber auch aufgenommen haben. Der orientalische Jude dialogisiert mit der abendländischen Denkgemeinschaft. Von seinem Anliegen her ist sein Werk daher ein ost-westlicher Diwan. Jabès Werk ist auch von einem eminent anarchischen Moment geprägt, jedoch ohne Unterschiede aufzuheben, ohne Beliebigkeit der Meinungen und Haltungen zu fordern. Das Andere, den anderen anzuerkennen und gerade in seiner Unterschiedlichkeit zu suchen, gilt vielmehr als oberstes Gebot. Daraus ergibt sich, dass man nicht mehr weiß, was einem gehört. Die Unterschiede sind zu groß, um zu wissen, was man überhaupt teilen kann. Immer noch gilt die Devise: „partager le désir de partager“, „den Wunsch teilen, zu teilen“, wodurch einem Rückzug in eigene Grenzen oder einem Zurückdrängen anderer im Grenzraum entgegengewirkt wird. Es ist schwierig, das Werk von Jabès auf einen Nenner zu bringen, noch ein Einzelnes als beispielhaft zu nennen. Bei seiner langen Reihe von Werken löst sich eigentlich eines im anderen auf. Damit herrscht eine unendliche, offene Kette ohne ein resümierendes oder auch nur summierendes Ganzes, während für Mallarmé das Buch die Summe aller bereits geschriebenen darstellt. Man kann auch von einer Art absolutem Werk sprechen, bei dem alles im Werk enthalten ist, die Frage eines jeden Einzeltextes im Buch beantwortet wird. Es sind schwierige Verschränkungen, ein Werk von großer formaler Vielfalt, geprägt aber vor allem vom Aphorismus, den man nicht lange, aber oft lesen kann. Edmond Jabès starb am Der übersetzte Text „L’avant-dialogue“ („Der Vor-Dialog“) stammt aus „Le Livre du Dialogue“ (1984, „Buch des Dialogs“). Er hat teilweise mystischen Charakter. Es geht um die Frage nach Leben und Tod, hauptsächlich aber um den Dialog, seine Charakterisierung, seine Bedeutung für den Menschen. |