František Listopad

Arma virumque cano

Zu der Zeit, als Brecht nach Prag kam, wurde auf der Štvanic-Insel der Bau des Eisstadions vollendet. Von der Letná, wo er vorübergehend bei Freunden, genauer gesagt bei einem Verleger, in einem bescheidenen Zimmer mit zwei Fenstern zum Hof, einem schweren Porzellanwaschbecken, aber ohne fließend Wasser, wohnte, ging er morgens zeitig los in die Stadt, ins Zentrum. Ihm gefiel der Weg über die Hlávka-Brücke; Gottweiß, warum gerade der. Früh kamen ihm dort die Viehtransporter zum Schlachthof entgegen. Hatte er es eilig, bestieg er die Straßenbahn, die Elf, über die Stefánik-Brücke, Richtung Neustadt, die Siebzehn zum Rudolfinum und so weiter. Gewöhnlich jedoch ging er zu Fuß. Er marschierte wie ein Deutscher, sagte  Friseur Chroust, der schon ab sieben in der Tür des Ladens Ausschau hielt, von ihm. Ein halbstündiger Weg. "Prag ist šedomodrá ("graublau" tschechisch zitiert), deswegen gefällt es mir vielleicht. Auch ich bin nicht gerade fröhlich. Aber es ist nicht so grau, wie es auf den ersten Blick aussieht", schrieb er in einem Brief an E.T. nach Paris.

In dem Jahr gab es einen warmen Herbst. Oberhalb der Wehre, gegenüber dem im Bau befindlichen Eisstadion, führte der Weg zum größeren Teil der Insel, wo sich die Tennishallen  befanden. Tatsächlich, Anfang November herrschte noch voller Betrieb. Der alte Drobný erinnerte sich lange nicht mehr an eine solche Saison. (Ich ging mit seinem Sohn Jaroslav, der "vom Balljungen zum Weltmeister" aufstieg, in eine Klasse und manches, was ich hier erzähle, erfuhr ich von ihm. Wir waren Freunde).

Brechts Aufenthalt in Prag zog sich in die Länge: er verhandelte – unter anderem mit dem Prager Deutschen Theater – über die Aufführung der "Dreigroschenoper ". Aber vor allem korrespondierte er mit Freunden und verschiedenen internationalen  Organisationen über die allernächsten Zukunftspläne. Prag erschien ihm von Anfang an nicht ideal, wirtschaftlich und politisch unsicher und im ganzen provinziell. Brecht sehnte sich zwar nach einem Moment Ruhe, aber künstlerisch brauchte er auch Unruhe. Wenn ich nicht in Deutschland leben kann, will ich in der Welt leben, verkündete er einigemal öffentlich. Dennoch mietete er sich schon damals eine kleine abgeschlossene Wohnung in der Bubenská - der Vorname des Verlegers, Adolf, jagte ihm, bis er darüber lachte, Angst ein – er behauptete aber weiter, Prag sei bloß Durchgangsstation, ein für ihn ungünstiges Terrain.

Übrigens hatte er jetzt mehr und mehr freie Zeit. Im November lernte er Heda (oder Hedva) kennen, die jüngere Cousine des damals bekannten Tennisspielers Hecht, der tschechisch-jüdischer Meister war. Er traf sie zum erstenmal zufällig auf Štvanice, wo auch Hecht ab und zu trainierte. Damals blieb Brecht dort, als er über die Hlávka-Brücke von nutzlosen Emigrantensitzungen oder Theateraufführungen heimkehrte, stehen und schaute dem Mädchen beim Spiel zu.

Er sprach sie an und sie antwortete, als ob sie ihn kennen würde. Sie sprach ziemlich gut deutsch. Sie ging in die Septima, verriet ihre Angst vor Latein, arma virumque cano, warf ihm einen Blick zu, wiegte sich auf einer Schaukel - die Freundin hatte ein Rendezvous und war gegangen – und lachte. Ein verhaltener, öder Herbst auf einem Kinderspielplatz. Brecht brachte sie wie ein sorgsamer Vater ins Schaukeln. So war das ganz am Anfang.

Als er sie in der Bubenská das erstemal auszog, wehrte sie sich, schrie, aber er machte weiter. Ihr war kalt. Gegen vier wurde es schon dunkel. Um halb sechs, um sechs, spätesten gegen sieben begleitete er sie, brachte Heda bis in die Nähe der Straße, wo sie in einem Mietshaus, im zweiten oder dritten Stock, wohnte. Sie mußte nach Hause, wegen der Eltern, der Hausaufgaben, wegen Latein.

„Du mußt ein bißchen älter werden“, sagte er zu ihr. „Werd älter, Miluška (so nannte er sie), meine böhmische“.

„Ich will, wenn Sie in Prag bleiben“. Sie siezte ihn.

„Das wird nicht leicht“. Er war vorsichtig.

Klar, daß das nicht leicht wird. Das wußten beide, er, weil er es wußte, sie, weil sie es ahnte, aber es interessierte die beiden nicht immer. Sie waren ein perfektes Heute. Sie liebte ihn vor allem, wenn sie nicht bei ihm war. Sie sehnte sich nach Brecht in den Vormittagsstunden, in der Schule nämlich, manchmal noch beim Tennis am Nachmittag oder in der Lateinprivatstunde. Warum ist er nicht hier, fragte  sie sich. Im Café traf sie sich mit ihm ungern, zwei-, dreimal waren sie im „Roxy“, einmal brachte er sie in die "Schwarze Rose" mit, in den Billardsaal, stellte sie vor, verhielt sich aber so unnatürlich dabei, daß sie davonlief. Auch ins Kino begleitete er sie wie ein kleines Mädchen. Am besten war es mit ihm in einer Kneipe in Karlín, im stickigen warmen Ausschank, den B. "entdeckt hatte", der ihn an etwas erinnerte. Und dann im Bett.

„Schon als Sie mich das erstemal erblickten, wollten Sie mich ins Bett bekommen“.

„Ein Kerl ("Kerl") will die Frau immer ins Bett bekommen. Und wenn er sie liebt, um so mehr“.

„Ich sollte Sie nur küssen, und nur im Winter, draußen, im Schnee. Ich sollte nicht  mit Ihnen gehen. Sie sind kein Gentlemen. Und die Wohnung hat keinen zweiten Ausgang“.

„Du hast einen schönen flachen Bauch“.

„Sie sind rücksichtslos“.

Im Vorfrühling fuhr er über Österreich und die Schweiz nach Frankreich. Nach Dänemark. Er hatte vor zurückzukehren. Er kehrte nicht zurück. Er begann ihr zu schreiben, auch wenn er gleichzeitig mit einer anderen Frau lebte, mit seiner Frau, die mit ihm aus Deutschland geflohen war.

Er schrieb wirklich schöne Briefe nach Prag. Zwei habe ich gelesen. Wirkliche einzigartige Brechtsche Liebesbriefe, die kein Biograf in die Hände bekam. Er hatte sich in Heda verliebt.

Etwas später lernte ich H. kennen. Sie hatte einen schönen Teint, goldenen Flaum auf den Armen, blinzelnde Augen, trug stets Samtröcke und helle Blusen, nach einiger Zeit fuhr sie mit Jiří P. nach Israel, auf jenem traurig berühmten Schiff, das nicht ankam, das unterging. Weder ein Brief von Brecht wurde angeschwemmt noch der kleine Knopf vom Männerhemd, den sie in der kalten Bubenská zur Erinnerung abgerissen hatte, einst, im 20. Jahrhundert.

Lissabon, Oktober 1998

 

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