|
|
|
Franz Hodjak Vater und Sohn Eine leichte Fröhlichkeit, eine Art schwebende Genugtuung erfüllten Feri an diesem Morgen mit einem wohligen Gefühl der Schwerelosigkeit, und er wunderte sich, daß sein Körper noch im Bett lag und nicht etwa an der Zimmerdecke klebte, ins All drängend. Er betrachtete seinen fünfjährigen Sohn, der ruhig atmend neben ihm schlief, und er war froh, daß sich sein Körper bloß so anfühlte, als wäre er schwerelos, denn wäre er es tatsächlich gewesen, wäre er längst davon geschwebt und hätte den Sohn allein zurückgelassen. Feri war stolz auf seinen Sohn, weil dieser den schillernden, überall lauernden Verlockungen, ein Dieb zu werden, ein Straßenkind, ein Bettler oder dergleichen, widerstanden hatte. Er war stolz, weil sein Sohn nur wenig zum Glück brauchte, genau wie er, der wußte, daß man nur wirklich frei sein konnte, wenn man wenig zum Glück brauchte. Dieser Tag aber war ein besonders guter Tag, es gab gleich vier Beerdigungen. Feris Frau hatte eines Feri betrachtete noch eine Weile seinen schlafenden Sohn, dann stand er leise auf, obwohl es sehr früh war und er noch genügend Zeit gehabt hätte, im Bett liegen zu bleiben und zu träumen. Doch heute war ein besonderer Tag. Er ging in den Hof, um zu duschen. Es war Sommer. Im Hof stand auf drei Pfeilern eine mit Wasser gefüllte Tonne, an der ein Schlauch mit Wasserhahn und mit der Brause einer Gießkanne angebracht war. Im Winter mußte er Wasser auf dem Küchenherd wärmen und sich an einem Waschgestell waschen, das seit vielen Generationen von einer auf die andere vererbt wurde. Doch jetzt war Sommer, und es herrschte eine Hitze, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hatte. Bei einer solchen Hundshitze ließ man alle Tätigkeiten ruhen, da jeder Handgriff, egal wie sehr man sich anstrengte, meist daneben ging, auch die wichtigen Entscheidungen wurden hinausgeschoben, weil sogar das Denken keuchte und schwitzte, im Grunde ging gar nichts mehr bei einer solchen Hundshitze, nur das Sterben machte eine Ausnahme. Die Dusche im Hof war eine Neuanschaffung, die Feri seiner Frau zur Hochzeit geschenkt hatte. Als er noch verliebt war, hatte er oft auch im Winter bei eisiger Kälte im Hof geduscht. Einmal hatte er seine Frau sogar zum Geschlechtsverkehr im Schnee überzeugen können, das war allerdings hinten im Hof, am Fluß, der dort vorbeiführte. Feri war nie in Eile, das durfte er auch gar nicht, weil er an Asthma erkrankt war, das er, weil alle anderen Versuche fehlgeschlagen hatten, neuerdings von der berühmten Baba Rumba, einer in der ganzen Gegend hoch geschätzten, uralten Vettel behandeln ließ. Mittels verschiedener Säfte, die sie aus geheimen Kräutern destillierte, rückte sie dem Übel zu Leibe. Und das mit einigem Erfolg. Zur heilenden Prozedur gehörten allerdings auch seltsame Praktiken und Rituale, die den Kräuterkuren erst so richtig zu Wirkung und Nachhaltigkeit verhelfen sollten. Asthmakranke wie Feri, zum Beispiel, mußten dreimal über Baba Rumbas Schwelle treten, auf die sie ein scharfes Messer, einen Spiegel und bunte Kreide legte. Man munkelte zwar, diese Baba Rumba sei mit dem Teufel im Bund, doch wer ließ sich nicht gern auch in einen unerlaubten Bund hineinziehen, wenn das nur half. Jedenfalls konnte Feri wieder freier atmen, und frei atmen zu können, sagte er sich, sei die Grundvoraussetzung für jede Art von Freiheit. Und da er nichts Besonderes zu tun hatte, ließ er sich auch viel Zeit bei der Morgentoilette. Für ihn war Sauberkeit das oberste Gebot, doch nicht in streng egoistischem Sinn, wie er immer wieder zu betonen wußte. Sauberkeit sei nicht so sehr eine Frage der eigenen Körperhygiene, sondern vielmehr ein Problem des Respekts vor den Menschen, mit denen man verkehre, aber auch ein Problem des Respekts vor den Menschen, mit denen man eher aus Zufall in Kontakt kommen könnte. Denn das einzige Alibi, das wahrlich nichts tauge, meinte Feri stets erbost, sei zweifelsohne der Zufall. Deshalb rasierte er sich auch jeden Morgen frisch und schnitt sorgfältig die hervorquellenden Haare aus Nasenlöchern und Ohren. Allein auf den ungewöhnlich dichten, langen Haarwuchs auf Brust und Beinen war er stolz, obwohl er wußte, daß so mancher im Dorf dies zum Anlaß nahm, hinter vorgehaltener Hand spöttisch zu behaupten, das sei schließlich ein klarer Beweis dafür, daß er, Feri, vom Affen abstamme. Doch Feri ließ sich niemals aus der Fassung bringen, wußte er doch, daß auch er wie alle anderen von Gott geschaffen wurde und daß das Ganze bloß ein dummes Gerede von Neidern war. Auch den tiefschwarzen Schnurbart, der schmal wie eine dünne Schnur ausgerichtet war, justierte er jeden Tag millemetergenau aufs neue. Die Jacketts, Krawatten und Hosen, die er trug, waren zwar alt und stammten zum Großteil noch aus der Garderobe seines Vaters oder Großvaters, aber sie waren immer sauber, gebügelt und gepflegt, und er meinte stets scherzend, er trage sie eben so lange, bis sie wieder in Mode kämen. Als Feri seinen Sohn endlich weckte, sprang dieser erschrocken auf und wollte gleich in seine Kleider fahren. Feri beruhigte ihn, indem er ihm versicherte, es sei noch genügend Zeit, diese ganze Hektik habe keinen Sinn, Hektik verderbe nur den Charakter und die Umgangsformen. Zuerst müsse er ordentlich duschen und dann frische Kleider anziehen, die er auf dem Stuhl für ihn schon bereit gelegt habe. Der Sohn blickte Feri mißtrauisch an. Was ihn so sehr treibe und verunsichere, gestand er, sei die Angst, daß sie sich bei den Beerdigungen verspäten könnten. Es könnte ja gut sein, daß sie auch früher begännen, fügte er unsicher, etwas stockend hinzu. Wieder beruhigte Feri seinen Sohn. Nein, das sei unmöglich, er klärte er. Wenngleich schon nichts mehr richtig funktioniere, redete er auf seinen Sohn ein, und alles irgendwie aus den Fugen geraten sei, sei doch etwas in diesem Chaos übriggeblieben, das noch ordnungsgemäß vonstatten ginge. Der Aberglaube säße viel zu tief, als daß man sich erlaubte, auch mit Beerdingungen gewissenlos und schlampig umzugehen. Wenn man noch irgendwo auf Ordnung und Pünktlichkeit Gewicht lege, dann zumindest bei den Beerdigungen, als einem letzten Rest von Respekt sozusagen. Man habe dem Verstorbenen im Leben genug Schmach und Schande zugefügt, als daß man es auf sich nehmen wolle, sich auch noch im Tod an ihm zu versündigen. Außerdem sei der Fußweg in die Stadt doch bloß zwei knappe Stunden, und bis zur ersten Beerdigung sei es noch geschlagene vier Stunden. Der Weg zur Stadt führte ein beträchtliches Stück durch einen Mischwald, in dem sich Feri mit seinem Sohn gern aufhielt, weil er großes Gewicht darauf legte, daß sein Sohn schon früh den Reichtum an Pflanzen und Tieren in Wald, Wiese und Flußauen kennen lernte und mit ihm vertraut würde. Feri konnte einundzwanzig Vogelstimmen nachahmen, sein Sohn schon sieben. Auch im Nachahmen des Röhrens der Hirsche in der Brunftzeit machte er erhebliche Fortschritte. Sein Sohn war ebenso ein guter, dankbarer Schüler in Sachen Insekten, Pflanzen, Pilzen und Moosen. Das Lernen bereitete ihm große Freude, besonders wenn sein Vater ihn unterrichtete. Er wußte schon genauestens Bescheid, welch hervorragende Architekten die Ameisen und Biber waren und welch raffiniert ausgeklügelte Techniken sie bei der Errichtung ihres komplizierten Baus einsetzten. Sogar die Bewegungen der verschiedenen Fischarten mit dem Maul konnte er schon recht gut nachmachen, und das war beileibe nicht leicht, weil es da kaum sichtbare, jedoch erhebliche Unterschiede gab. Seinen Vater zum Angeln zu begleiten, machte ihm vor allem deshalb besonders Spaß, weil man beim Angeln ganz leise sein mußte und nicht streiten durfte. Auch das Klettern auf Bäume beherrschte er zufriedenstellend. Doch immer, wenn Feris Sohn gefragt wurde, was er denn später werden wolle, antwortete dieser, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, er werde Kutscher in Wien und werde in elegantem Frack und Zylinder der Kundschaft aus aller Welt die Geschichte der Stadt erklären. Sobald Feri solches hörte, schüttelte er jedes Mal nur den Kopf und meinte, Sohn, Sohn, du liest einfach zu viele Märchen, die machen dich bloß verrückt. Und wenn der Sohn nicht aufhörte, von der Geschichte Wiens zu schwärmen, unterbrach Feri ihn stets mit den Worten, du solltest besser Pope in Burdujeni werden, dann bist du niemals allein. Du wirst viele Freunde haben, die Leute werden aufschauen zu dir, und die Frau wird dir nicht davonlaufen. Der Rest ist vergänglich. Nur Gott im Himmel wird es immer geben, weil die Menschen immer Angst haben werden, nicht zu glauben. Die Zukunft liegt in sicheren Händen, wenn du Pope wirst. Während nun Feri gerade im Begriff war, seinem Sohn zu erklären, welche Bewandtnis es mit der verheerenden Plage der Borkenkäfern auf sich hatte, fuhren in einem offenen Cabriolet zwei junge Damen vorbei, die Feri und sein Sohn höflich grüßten. Die Damen, gut gelaunt, zeigten den beiden den Stinkefinger, wobei eine die grölende Musik noch lauter stellte und mitzusingen begann. Feri fiel auf, daß sein Sohn sehr schweigsam geworden war, nachdem sie aus dem Wald getreten waren, es schien ihm, als grübelte er ernsthaft über irgendetwas nach. Auf seine Frage, woran er denn denke, gab der Sohn zu bedenken, wie schön es doch wäre, wenn alle Toten von der Welt in Klausenburg begraben würden. Feri horchte verwundert auf, so einen Wunsch hatte er von seinem Sohn nicht erwartet. Der Sohn rückte nur mühsam mit der Sprache heraus. Er meinte schließlich, es wäre deshalb so schön, wenn alle Toten von der Welt in Klausenburg beerdigt würden, weil sie sich dann jeden Tag göttlich satt essen könnten. Über derlei Überlegungen war Feri sichtlich empört und gereizt, doch er hielt sich zurück, versuchte, Ruhe zu bewahren. Das wäre ungerecht, erklärte er. Und woher überhaupt dieser Egoismus herkomme, von ihm sicher nicht. Das sei beschämend genug, mahnte Feri seinen Sohn. Überall auf der Welt, klärte er den Sohn weiter geduldig auf, gäbe es Arme, und wenn alle Toten in Klausenburg beerdigt würden, würde die Hungersnot nur noch größer werden, weil der Leichenschmaus überall dort fehlte, wo er dringend gebraucht werde. Sie, hier, hätten dann zwar in Hülle und Fülle zu essen, aber sie würden letzten Endes bloß den anderen das wegessen, was ihnen rechtmäßig zustünde. Gerechtigkeit gäbe es sowieso nur noch zwischen den Armen, und das sollte, bitte, auch so bleiben, denn wenn die Gerechtigkeit auch zwischen den Armen verschwände, sähe die Welt noch trauriger aus. Also sei es vor allem, schlußfolgerte Feri, eine Frage der Gerechtigkeit, daß die Toten weiterhin dort beerdigt werden sollten, wo sie auch gestorben seien, und nicht alle in Klausenburg. Ob er das verstanden habe, fragte er streng, dem Sohn tief in die Augen blickend. Dieser lief dunkelrot an im ganzen Gesicht. Die Röte lief blitzschnell den Hals hinunter und breitete sich aus auf Brust und Armen, wo sie große, glühende Flecken bildete. Ja, schämen konnte sich sein Sohn genau so schnell und gründlich wie lernen, und auch darauf war Feri stolz. Sofort versprach der Sohn seinem Vater, nie wieder im Leben auf solch habgierige, egoistische Gedanken zu kommen. In der Stadt angekommen, sahen sie sich noch ein wenig um, da die erste Beerdigung erst in einer halben Stunde stattfand. Weil den Sohn die Straßenbahnen so sehr interessierten und er schon immer von ihrem Geklapper und Geschaukel fasziniert war, fuhren sie eine Station mit der Straßenbahn. Als der Sohn vor den Büchern im Schaufenster eines Antiquariats stehen blieb, zog Feri ihn sanft weiter mit den tröstenden Worten, bald gäbe es Striezel. Dann gingen sie gemächlich auf den Friedhof. Es war in dieser Gegend schon seit Menschengedenken üblich, daß ein erster, ganz bescheidener Teil des Leichenschmauses auf dem Friedhof abgehalten wurde, gleich nach der Beerdigung. Alle Anwesenden, ohne Ausnahme, ob sie nun den Toten gekannt hatten oder nicht, konnten sich, weil sie dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen hatten, vom Striezel und Schnaps bedienen, die auf langen, sauber gedeckten Tischen neben dem zugeschaufelten Grab bereitstanden. Und Feri und sein Sohn waren nicht die einzigen, die einem fremden, unbekannten Toten die letzte Ehre erwiesen hatten. Als sie sich schließlich nach der letzten Beerdigung auf den Heimweg machten, war Feri ziemlich betrunken, sein Sohn etwas müde. Er hatte viel zu viel Striezel und Nußstrudel in sich hineingestopft, so daß er sich einige Male erbrechen mußte. Sie kamen nur sehr mühsam voran. Und Feri erklärte seinem Sohn immer wieder in prahlendem, geschwollenem Brustton, bis sie zu Hause angekommen waren, er sei heilfroh, daß er ein ordentlicher Mensch geblieben war und nicht etwa ein Dieb, Betrüger, Halsabschneider oder gar Mafioso aus ihm geworden ist. Darauf, versicherte er, könne sein Sohn riesig stolz sein. Nicht jedes Kind habe ein solches Glück. Und Glück sei schließlich das, worauf es im Leben ankomme, es sei das kostbarste Gut, das es auf der Welt gäbe. Vom Glück nämlich hinge alles ab, zuletzt sogar wann und auf welche Art und Weise man sterbe, vor allem aber die Tatsache, daß man überhaupt auf der Welt sei. Besonders aber diesen Umstand, den man all zu leichtfertig als Selbstverständlichkeit betrachte, betonte er, hätte schon das kleinste Unglück verhindern können. Und was auch aus ihm hätte werden können, sei ihm wieder einmal heute bei den Beerdigungen so richtig bewußt geworden. Nein, Sohn, Herr behüte, zu der Gesellschaft dieser feinen Dreckskerle zu gehören, das wäre das Letzte, sagte er noch, bevor er sich für eine Stunde aufs Ohr haute.
|