Ester Naomi Perquin

Wegen logistischer Probleme

 

Am Mittwoch empfingen wir einen Karton,

in dem sich unsere Zukunft befand.

 

Es handelte sich natürlich um einen Irrtum, das war uns sofort klar.

Der Hersteller klang panisch am Telefon.

 

Nicht öffnen, was auch immer Sie tun, auf keinen Fall öffnen. Gleich kommt

jemand und holt den Karton wieder ab.

 

Wir warteten. In der Zwischenzeit stellten wir den Karton in die Mitte des Zimmers,

auf den Teppich. Es war ein großer Karton. Und schwer.

Wir zogen Schlussfolgerungen, tranken Tee.

 

Dann legten wir abwechselnd ein Ohr an den Karton. Man konnte,

ganz leise, Musik hören. Das Geräusch von Kranichen,

die emporfliegen. Gemurmel. Eine Dampflokomotive,

ganz deutlich eine anfahrende Dampflokomotive.

 

Als es klingelte, hatten wir gerade das Klebeband durchgeschnitten.

Licht strömte heraus, wie Nässe aus einer Wunde.

„Ich komme, um den Karton abzuholen“, schrie jemand

durch den Briefschlitz. „Machen Sie auf.“

 

Aber wir stiegen vorsichtig in den Karton und sahen,

wie wir all das schöner denn je vergessen würden, wovon wir

dachten, es stünde uns bevor.

 

 

* * *

 

 

Du beginnst mit nichts und formst es, im Lauf der Dunkelheit,

zu einem Universum. Ein Teig aus Lehm, ein ordentlicher Ball,

der schrumpft und schrumpft, mit nichts darin.

 

Du machst ein Loch, bläst Geist hinein, wartest auf Herzschlag,

den Wechsel von Tag und Nacht. Mach, dass es am Ende

doch noch Hoffnung gibt, denkst du, eine Handvoll

Schönheit, ein Gedicht.

 

Doch irgendwo ging etwas schief, die Schöpfung wütet früh und

pflanzt sich unaufhaltsam fort. Da war kein Feind

der Sprache, nichts mit starken Zähnen.

 

So erhielten Dinge ihre Form und Namen. Stets vergeblich

brichst du sie entzwei: die Grenze, das Jahr,

die menschliche Art. In jedem Buchstaben

befindet sich ein neues Universum.

 

Glauben ist das Echo, nicht der Knall. Wir sagen, wie wir

nach Vernunft suchen, aber dann finden wir

ein Wort und darin verbirgt sich hübsch

ein zweites, immerzu, immerfort.

 

 

Amsterdamned

 

Ich schaute mir den Film an, in dem mein Vater mitspielt: eine einzige Einstellung

in der er vorbeiläuft und nichts macht – na ja, er überquert,

ein Herrenrad an der Hand, die Gracht

und blickt kurz auf eine Ente.

 

Dieses Fahrrad war nicht seines, das weiß ich.

Die Jacke, die er trägt, geliehen.

 

Meine Mutter war dabei. Er musste, sagt sie, sechs Mal hinüberlaufen

bevor es ihm gelang so auszusehen, wie es jeder Regisseur gerne hat:

wie ein ganz normaler Mann mit einem ganz normalen Fahrrad.

 

Er schaffte das Ende des Sommers, meinen siebten Geburtstag und

folgerichtig auch die Premiere nicht. Ich sah ihn zwanzig Jahre später:

ein Mörder, der durch die Grachten schweift, sich Frauen greift

und dann, am Rande der Treibjagd, das Aufblitzen dieses Gesichts.

 

Ein Mann mit einem Fahrrad, der die Gracht überquert.

Die Ente, sah ich, wurde noch rausgeschnitten.

 

Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek  

 

Diese Publikation wurde mit finanzieller Unterstützung des Niederländischen Stiftung für Literatur ermöglicht. This publication has been made possible with financial support from the Dutch Foundation for Literature. Die Redaktion von OSTRAGEHEGE bedankt sich ausdrücklich für diese Kooperation.

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