Gregor Kunz

Odysseus-Notizen

„Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben. Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Falle: die Zeit. Sonst und schwererwiegend: die Furcht.“  Hans Blumenberg, „Arbeit am Mythos“

1. Namen

Zuerst erzählt ein Name eine Geschichte: Odysseus. Zur Gestalt geworden mit notwendigen Eigenschaften und in Begebenheiten, Handlungen, Bildern heimisch, zieht Odysseus Geschichten an und verknüpft sie, erzählt sein kollektiver Mund Geschichten in Geschichten fort, vielstimmig. Nicht alle bleiben/werden deutlich, aber da sind sie. Doch habe ich immer angenommen, es werde herkommen ein Mann, ein großer und schöner, angetan mit großer Stärke. Jetzt aber ist es ein Geringer und Nichtiger und Schwächlicher, der mich am Auge blind gemacht hat, nachdem er mich mit Wein bezwungen. Doch auf, hierher, Odysseus! (Od.9, 513f)

Der Name muss sehr alt sein, schon weil niemand mehr weiß, was er bedeutet. Vermutlich war Odysseus schon da, als wandernde Gruppen ihre Rinder ins Land trieben und in einer Art Finger-Griechisch die einheimischen Bauern fragten, was das denn wäre, vor ihnen, blau und grau und weiß und laut, das unendlich Bewegte, Nasse, Salzige, bös und wunderbar ... Wer fragt, kriegt Antwort: Thalassa, das Meer. So haben es sich die Griechen gemerkt und den Namen behalten. Ja, klar doch, Thalassa, kennst Du das Meer nicht?

Namen sind Griffe an der Welt, die sonst keine hat, Griffe der Bemächtigung. Doch passt kein Ding in seinen Namen ganz und jedes beim Namen aufgerufene Bild ist mehr als der Name und noch einmal mehr als es selbst. Aber was will man machen? Zu groß wie es ist, ist das Meer doch noch einfach. Man hatte sich schnell geeinigt und gut war՚s: Thalassa. Weniger einfach sind schon Löwe, Mond und König. Und was heißt Glück? Es ist schon so, Namen agieren und reagieren, verändern das Gemeinte und werden vom Gemeinten verändert. Was also tun? Schon immer erzählten Leute Geschichten, deuteten die Welt noch einmal, und die tauglichen Geschichten blieben, ein Muster/Normenkatalog, um sich wieder zu finden, wenn nicht an seinem, dann doch an einem Platz.

Odysseus muss etwas bedeutet haben, etwas Wichtiges, das nicht vergessen, aber nicht mehr zu verstehen, doch neu zu formulieren war. Es klang vertraut, nach Ärger Zorn und Groll, und kam von Odysseus her und auf Odysseus zu: Der Verhasste, Der Zornige. Nur wer den richtigen Namen weiß, wird nicht betrogen. Und der richtige Name war ja da, so musste dem Mann doch geglaubt werden... „Kyklop! Du fragst nach meinem berühmten Namen. Nun denn! So will ich ihn dir sagen! Du aber gib mir das Gastgeschenk, so wie du es versprochen hast! Niemand ist mein Name, und Niemand rufen mich Vater und Mutter und all die anderen Gefährten.“ So sprach ich. Der aber erwiderte mir alsbald mit ungerührtem Mute: „Den Niemand werde ich als letzten verspeisen unter seinen Gefährten, die anderen zuvor: das soll mein Gastgeschenk sein!“ (Od.9,364ff)

Gut war die List und wert des Rühmens, besser noch war der Scherz, jedoch auch prophetisch. Wenn die Götter strafen, erfüllen sie Wünsche. Das Rühmen fasste nach, es wollte seinen Namen und bekam ihn ganz. Der wurde teuer: spät komme er heim auf schlimme Weise, nachdem er verloren alle die Gefährten, auf einem fremden Schiff, und finde Leiden in seinem Hause! (Od.9, 531f) So lebt der Mensch, nicht nur im Ernst des Mythos fort. Odysseus = Niemand. Der Mann hat etwas von einem Stellvertreter, nicht nur hier.

2. König

Bei Homer ist Odysseus Basileus, in Übertragung und Nacherzählung wird daraus meist ein König. Könige herrschen idealerweise über Volk und Land und verkörpern sie überdies. Was tut Odysseus? Er kämpft zehn Jahre unter dem Befehl des Königs Agamemnon vor Troja und bleibt weitere zehn Jahre verschollen. Sechzehn Jahre lang scheint das fast niemanden zu kümmern, dann aber stehen die potentiellen Nachfolger Schlange. Wo? Bei seiner potentiellen Witwe, Penelope.

Wie es aussieht, ist Homers Basileus ein Rang, den Güter, Herkunft und Klientel/Gefolge begründen, und in einigen Fällen ein Amt, an dem Einkünfte und Pflichten hängen. Es gäbe viele königliche Männer auf Ithaka, sagt Telemachos, und einer möge das Amt haben, wenn Odysseus tot sei. Zur Not würde auch er es übernehmen, sogar gern: König zu sein, ist gar nicht übel. Schnell wird das Haus ihm reich, und er selber wird höher geachtet... (Od 1, 391f)

Genommen als das, was er tut, erscheint Odysseus als Vasall und abhängiger Heerführer, seltsam unverankert in seinem väterlichen Land (Od.13,188), wie eingesetzt in das autonome Teilgebiet eines anderen. Ikarios, Vater der Penelope und Basileus von Akarnanien, bietet sich an. Sein Gebiet lag nordöstlich von Ithaka auf dem Festland und überschnitt sich an der Küste mit dem des Odysseus.

Ebenso nah liegt ein bindendes Verhältnis zu Agamemnon von Mykene, dem Mächtigsten der Könige, der einzige unter den Griechen, den Homer einen Anax nennt. Die Überlieferung weiß von einem Eid des Odysseus, geschworen bei Tyndareos in Lakedaimon von 30 Basileis, aufgestellt in den offenen Leibern geopferter Pferde. Tyndareos, des Ikarios großer (?) Bruder, war Basileus von Sparta und hatte gleichfalls Töchter, begehrt von vielen: Klytaimnestra und Helena. Die eine nahm sich Agamemnon mit Gewalt, die andere erwarb er seinem Bruder Menelaos. Ikarios und Tyndareos mussten nicht in den Krieg, den Agamemnon für Menelaos betrieb, der verlorenen Helena wegen, wenn es denn stimmt. Aber die Beistand geschworen haben, sind alle dabei, und noch einige mehr, 48 Basileis in 29 Kontingenten. Wer die zehn Jahre durchhielt, fand sich am Ende wieder in einem Pferd. Es ist aus Holz und eine Idee des findigen Odysseus, die letzte Chance, das elende Unternehmen Troja zu beenden. Erfolgreich, nicht glücklich, auch wenn es etlichen Überlebenden am Morgen nach dem finalen Gemetzel so scheinen mochte.

Von Odysseus heißt es, er führte die Kephallenen, die hochgemuten, Die Ithaka hatten und das blätterschüttelnde Neriton-Gebirge, Und die Krokyleia bewohnten und die rauhe Aigilips, Und die Zakynthos hatten, und die Samos rings bewohnten, Und die das Festland hatten und die gegenüberliegende Küsten bewohnten: Die führte Odysseus, dem Zeus gleich wiegend an Einsicht, Und ihm folgten zwölf Schiffe mit menningfarbenen Wangen. (Il.2, 631f)

Zwölf Schiffe sind wenig, wenn Odysseus auch Zakynthos und Same (Kefalenia) vorgestanden hat, doch für Ithaka allein gerade genug. Denn auch das Ithaka vergleichbare Salamis stellte zwölf Schiffe für den Krieg. Je nach Größe ruderten ein Schiff zwischen 120 und 20 Krieger=Gefährten, die Odyssee (Od.8,35) lässt Platz für 50. Dazu kamen einige engere Gefolgsleute, wie Eurylochos, Schwager des Odysseus und sein zweiter Mann, dann die Nichtkämpfer: Köche, Diener, Handwerker, ein Herold (rund in den Schultern, dunkelhäutig, ein Krauskopf, Eurybates... Od. 19, 246) und die kostbaren Steuerleute, zwei für jedes Schiff. Odysseus fuhr demnach mit vielleicht 700 Männern nach Troja.

Er wollte nicht und demonstrierte das deutlich, aber es half ihm nichts, er musste; Agamemnon kam selbst und holte ihn. Palamedes – wenn es denn wahr ist – half dabei. Einmal im Krieg, dient Odysseus dem Agamemnon klaglos als Adjutant, Gehilfe und Bote. Als Späher ist er gut, in der Schlacht schlägt er sich, wie ein Heros soll, meistens jedenfalls. „Wohin fliehst du, den Rücken wendend, wie ein Feigling in der Menge? Daß dir nur keiner im Fliehen den Speer in den Rücken bohre! Aber bleib! Daß wir von dem Alten hinwegstoßen den grimmigen Mann!“ So sprach er, doch nicht hörte darauf der vielwagende göttliche Odysseus, sondern eilte vorbei zu den hohlen Schiffen der Achaier. (Il. 8, 92ff)

Der Alte heißt Nestor, Hektor ist der grimmige Mann und der Sprecher Diomedes, Freund des Odysseus und Partner bei dessen Aufträgen und nächtlichen Unternehmungen.

Diomedes kämpft, wie Odysseus atmet; Odysseus weiß zu viel und wäre gelegentlich gern anderswo. Ihre Reaktion auf Agamemnons Was steht ihr abseits geduckt und wartet auf die anderen? (Il.4, 340) zeigt sie als komplementäres Paar. Odysseus verwahrt sich scharf und beschweigt den Vorfall künftig, Diomedes zuckt die Achseln, wird die Geschichte aber gegen Agamemnon verwenden. Beiden steht Athene nahe und in jedem steckt ein Aspekt ihres Wesens, doch sympathisiert sie offen mit Odysseus, dem Schwächeren der beiden. Ihr gefallen seine Lügen/Weltbilder/Geschichten und er erinnert sie, vielleicht an ihre Jugend. Klug müßte der und diebisch sein, der dich überholen wollte in allen Listen, und träte auch ein Gott dir gegenüber! Du Schlimmer, Gedankenbunter, Unersättlicher in Listen! So wolltest du denn nicht einmal, wo du doch in deinem Lande bist, aufhören mit den Betrügereien und mit den Reden, den diebischen, die dir von Grund auf eigen sind? Doch auf! Reden wir nicht mehr davon, die wir doch beide die Listen kennen! (Od.13, 292f) So spricht sie auf Ithaka.

Den Tag nach der Zerstörung Trojas sieht Odysseus von der Höhe seines Ansehens. Groß ist sein Anteil an schwerer Mühe und gerade noch erreichtem Erfolg und groß ist die Beute, größer der Ruhm; Agamemnon und Menelaos sind ihm Zeit ihres Lebens verpflichtet; wenn Reichtum, Luxus, Macht glücklich machen können, wird er glücklich sein. Was sonst? Er ist jung, ein Basileus von 30 Jahren, der es weit gebracht hat und noch weiter bringen wird. Ich bin Odysseus, Laertes՚ Sohn, der ich mit meinen allfälligen Listen die Menschen beschäftige, und es reicht die Kunde von mir bis zum Himmel. Ich wohne aber auf Ithaka ... (Od.9, 19f)

Mit zwölf Schiffen und immer noch wenigstens 625 Männern beginnt die Heimfahrt, an Bord den Gewinn aus zehn Jahren, Sklavinnen, Gold, Bronze und Trophäen. In zwei Wochen oder drei wird er die felsige Ithaka sehen, seine Frau und das Kind, Vater und Mutter, und seine Männer die ihren, das jubelnde Volk der Ithakesen.

Doch es werden Monate, dann Jahre in der unsicheren Wirklichkeit einer verhängten Reise nach Dortwo. Es verschlägt ihn nach Libyen und ins westliche Mittelmeer, dann vollends ins Anderland gefräßiger Inseln. Schiffe und Beute gehen unter, die Männer verlieren ihr Leben. Mit jeder Station wird Odysseus weniger, vollends allein, fällt er für sieben Jahre aus der Welt, geht verloren an die einsame Herrin von Ogygia: die listige Kalypso, die flechtenschöne, die furchtbare Göttin. Und es hat keiner mit ihr Umgang, weder von Göttern noch sterblichen Menschen. (Od.7, 245f)

Verschwunden ist der Mann, der Ithaka verließ, und auch jenen, der das brennende Troja verlassen hat, gibt es nicht mehr. Nach weiteren zehn Jahren steter Gefährdung, aufreibender Mühsal landet ein Mann in Phaiakien, der kaum mehr weiß, wer er ist, ein nackter Bettler, der Geschichten erzählt und Geschichten hört: von Odysseus, dem Verschollenen, von Odysseus, dem Städtezerstörer. Odysseus = Niemand steht vor seinem Bild und weint. Er hört vom Unglück Trojas und den Taten toter Männer, hört seinen Namen im Gesang des blinden Demodokos. Dann nennt er seinen Namen und erzählt/singt selbst, was er für wahr hält und wahr halten muss. Ich wohne aber auf Ithaka ...

Die Phaiaken glauben ihm und vermutlich glaubt er auch selbst, was er sagt. In Ithaka wird er zum Zweiten erfahren, wer er gewesen und wer er noch ist. Vater eines Sohnes, Fremder ohne Freunde. Wenn Penelope ihn annimmt, wird er wieder, was er war, doch nur in einem: Ein oder der Basileus und jedenfalls der ihre. Doch wird er vorher jene töten müssen, die ihm bei ihr folgen wollten. Brüder und Söhne der Gefährten, die ihm gefolgt sind nach Troja und in die Irre. Freunde! Wahrhaftig, ein gewaltiges Werk hat dieser Mann den Achaiern ersonnen! Die einen hat er in den Schiffen mitgeführt, die vielen und edlen, und die gewölbten Schiffe zugrunde gerichtet und zugrunde gerichtet auch die Männer. Die anderen aber hat er getötet, als er herkam, die weit besten unter den Kephallenen. (Od.24, 426ff)

Wer geht, kommt nicht wieder. Wer kommt, ist der Andere. Auf wen hat die kluge Penelopaia in 20 Jahren gewartet? Sie weiß es, aber sagt es nicht, nennt einen Fremden beim Namen: So ist der Name richtig. Sei mir nicht gram, Odysseus... Die Götter haben uns Jammer gegeben, die uns mißgönnt haben, daß wir beieinander bleiben und die Jugend genießen und zur Schwelle des Alters kommen sollen. (Od.23, 209f)

Odysseus? Ja, doch, kann schon sein... Nur Götter sind leicht zu erkennen.

 

(Zitate aus Ilias und Odyssee nach Wolfgang Schadewaldt)

[Gekürzt, den gesamten Essay können Sie in OSTRAGEHEGE 85 lesen]

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