Boris L. Pasternak

Petersburg (Auszug aus einem Fragment)

1.Kapitel  (Der Bahnhof)

Der Zug hielt mit letzten langen Schritten wie ein eiliger Fußgänger, der sein Ziel erreicht und neuen Mut gefasst hat, verschnaufend am Bahnsteig und begann seine Fahrgäste freizugegeben. Er zog sie hervor wie ein lieber Weihnachtsbesuch Spielzeug aus seinen abstehenden Taschen zieht und verteilte sie über den Bahnsteig. Anfangs taten sie sich zu Gruppen zusammen, kraftlos und ohne zu begreifen, wer sie waren und was mit ihnen geschah, und hoben sich schwarz ab, jeder von seiner Tasche, dem Waggon. Auch bei ihnen kamen Taschen zu Vorschein, aus denen etwas hervorgezogen wurde, und gleich darauf gerieten sie Aktion, als hätte jemand einen  Mechanismus betätigt, und stürzten, wiederum spielzeughaft, unwirklich und mit nicht menschenhafter Eile, sich gegenseitig vorwärtsschiebend und ohne etwas um sich herum zu sehen, in Richtung des fliegenden, an die graue Wand des Bahnhofs geschlagenen Pfeils und des schwarzen Wortes „Eingang“ gegenüber. Dieser Pfeil symbolisierte ihre Hast.

Bevor sie an die Barriere des Gitters gelangten, trafen die Menschen auf den entgegengesetzten Flug desselben Pfeils mit dem darunter geschriebenen Wort „Ausgang“. (Und man kann sich schwerlich vorstellen, was mit der Stadt zur Zeit der Existenz der Eisenbahn geschehen wäre, wenn es diesen „Ausgang“ nicht gegeben hätte.) Dabei hoben sie die Köpfe, rechten die Hälse, als sei die Hauptsache dort vorne, und ihretwegen konnten sie ihre Umgebung nicht sehen. Sie liefen hintereinander her, mechanisch, wie aufgezogen, sagten „pardonnez“, dieses die Russen manchmal rettende französische Wort, für dessen Klang sie wie für eine Parole alles hinzugeben bereit waren: der, der es ausgesprochen hatte, konnte ungestraft noch einmal puffen und sich einen Weg bahnen. Nicht alle besaßen den Vorrang dieses Wortes; die ihn nicht besaßen, blieben zurück.

In dieser mechanisierten Umgebung gab es heute vier „lebendige“ Menschen. Sie stiegen mit ihrem leichten Handgepäck aus und forderten, da sie sich von all den gewöhnlichen und gesetzmäßig handelnden Personen unterschieden, eine besondere Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit wurde ihnen zuteil. Über sie wachte jemand, der ebenso frisch und ebenfalls noch nicht von der Zunge der Einförmigkeit aufgeleckt war, und dieser Wächter hieß Leben. Das Leben erkannte die Seinen auch hier sofort. Zum ersten flüsterte es ihnen ein, dass dort, wo getrampelt wird, auch zertreten wird. Und dass sie deshalb auf der Hut sein müssten, besonders, wenn sie ihre eigenen kämpferischen Pläne hätten. Und solche Pläne waren vorhanden, und sie stammten von jenem Ort, von dem aus sie zusammen mit dem Leben hierher übersiedelt waren... In jedem Bahnhof und bei jeder passenden Gelegenheit hatten sie sich mit ihm verglichen – und das Leben verglich sich mit ihnen, besonders, wenn das Fenster geöffnet war und man sich hinausbeugen konnte. Oft wehte es in einer Kurve oder bei einem Gefälle als Rauschen des Windes herein, das satt und frisch in den Fensterschlund abgegeben wurde; es grub sich in den Waggon hinein und fuhr mit den Fingern seinen vier Söhnen durchs Haar.

Ungeduldig wie eine Mutter hatte es sich ständig nach ihnen erkundigt und war, nachdem es ihnen freundlich zugesprochen hatte, zurückgeflogen und hatte seine Kinder einen Tag und dann noch einen halben und schließlich noch einige Minuten in diesen zeitlosen Häuschen, hermetisch von der Gegenwart abgeschlossen und zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her schwankend, durchhalten lassen.

Manchmal, wenn man die Augen von den Schalen von Sonnenblumenkernen, den Zigarettenstummeln und den Spuckflecken auf dem Boden des Waggons abwandte, war es sonderbar, auf den Abend oder auf den Mittag dort zu treffen. Dort gab es alles, und es wurde in großen, reichlichen und appetitlichen Stücken durchs Fenster gereicht: bald war es eine Herde muhender Kühe, die zusammen zur Tränke getrieben wurden – das bedeutete einen Mittag im August, bald eine Kavalkade geschwätziger Reiter, die als Haarlocke im Zopf des Zuges, niedriger als die Sandwälle kleiner Jungen, dahinjagten, und bald war es auch der Abend, der die Sterne zur Eile drängte und die Stille der Ruhe und der Betrachtung vorantrieb: „Zur Nachtzeit“1.

Dann war es ein Mädchen, das in den Nachbarwaggon der 2. Klasse eingestiegen war, und seine Mutter, die es begleitet hatte und zurückgeblieben war. Es war damals jenes bestimmte Jahr, Revolutionszeit, ein bestimmtes Jahr für das Mädchen, das mit allem Vergangenen gebrochen hatte, mit dem warmen Flügel der Mutter, mit der vertrauten Lampe abends im Esszimmer, mit dem vertrauten nächtlichen Bücherregal, von wo aus die Welt, in die es jetzt hineinfuhr, zerbrochen war, mit den vertrauten Stimmen der Vögel am Fenster und allem -, was dort hinten mit ihrer Abfahrt verschwinden würde.

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In den opferbereiten Mund der beständigen Bewegung der Züge wurden Stücke von Landschaft, ganze Leben gesteckt. Es schien, alles was floss, fließe als schicksalhaftes Bild an die Schienen heran und neige demütig seinen Kopf auf den Schienenstrang; das eiserne Ungetüm durchschnitt feierlich auf jedem Meter seiner Rotation unzählige Opfer des Lebens, das die Zukunft loskauft und das dem Köder der Schnelligkeit auf den Leim ging. Das Leben schaute deshalb mit allgegenwärtigen Augen in die Waggons, machte die Seinigen ausfindig und warnte sie: „Hier bin ich!“

„Hier, hier!“, klopften die Räder auf den Schwellen.

Jetzt kündigte das Leben den vier Seinigen an: „Haltet euch härter hinter mir und hört auf mein Zeichen. Wofür sonst habe ich euch mit Gefühlen und Vorahnungen bedacht, wenn nicht dafür, dass ihr aus ihnen Nutzen zieht – ihr Eroberer?“...

Erstens hatte es ihnen all dies gesagt. Zweitens errieten sie aus dem Geruch nach Rauch und Stadt, aufregend und mutmachend, dass dies auch ihr Element sei. Und drittens – und dies war nun auch das Wichtigste – begriffen sie, dass sie beim Überschreiten der Schwelle der Bahnstation auch jene Schwelle überschreiten würden, auf die sie zugingen und von der sie nicht erwartet hatten, dass sie so nahe war.

So wirst du, Leser, an ihnen an verschiedenen Stellen dieser Erzählung eine Zeit erkennen, die zu klingen begonnen hat, um irgendwann zu einem Gleichklang zu gelangen und als Harmonie zugelassen zu werden. Eine Zeit, die sich heute mit vier verschiedenen Körpern angetan hatte2. Die Zeit ist ein trockenes Skelett, bewachsen mit ihren Individualitäten (d.h. mit außerzeitlichen oder eher zeitlosen, denn die Individualität ist eine eher Platonsche Idee).

Und sie trafen ohne zu eilen und gleichsam in der Unentschlossenheit des Nachdenkens als letzte im Bahnhof ein.

Sie wurden ungehalten vom Kontrolleur und den Posten am Gitter erwartet, die auf die zu den Regeln der Bahnhöfe gehörende Eilfertigkeit der mechanisch sich bewegenden Passagiere achteten – sie waren selbst Aufziehspielzeuge, die die Vier nun aufweckten und zwangen, lebendig zu werden – nachdem sie sie einmal schon verärgert hatten – sie, die als letzte an den Maschendraht herantraten, wo man ihnen die Fahrkarten abnehmen sollte.

Ihre Verärgerung war daran zu sehen, dass sie gleich hinter ihnen das eiserne Türchen zuschlugen: es sprang zweimal zurück, bevor das Schloss einrastete, und auf all den Unterteilungen des Drahtnetzes, das den Fisch der Städte fing, spiegelte sich lange die gekräuselte Oberfläche der ans Ufer schlagenden Welle ihrer Erbitterung wider – dieses Rasseln „zy-zy...z...s!...“

Und dabei wurden die Vier3 ihre Fahrkarten los. Ich sagte schon, daß sie in dem Steinkohlegeruch das ihnen Vertraute, Beruhigende einfingen, und es zog sie zu ihm hin. Nikifor verspürte ein Gefühl der Unruhe, als es am Büfett nach Sakuska, frischen Brötchen, nach dem Parfüm und der Zigarette eines „Aufgezogenen“ roch und dadurch der echte, wahre Geruch betäubt wurde. Er wollte aus Ärger über diesen Verlust wie ein Setter bellen: Noch atemlos vom Lauf, befriedigt, bleibt er an der Bülte stehen, von wo aus man Bekassen nachstellt, und – in totaler Anspannung – steht er da und zieht den erregenden Geruch des Wildes ein, plötzlich aber trägt der Wind in fort. Er entschließt sich noch nicht, Unruhe zu zeigen, aber er zuckt vor Ungeduld und winselt, weil ihn ein Bauchkrampf quält: die Bekasse fliegt auf.

Ein ebensolcher Krampf befiel auch Nikifor, als er plötzlich diesen Geruch von Parfüm und Zigaretten auffing! - Er beeilte sich, von der Theke wegzutreten und wieder in die Zone des ersehnten Duftes zu gelangen.

- Wie gut es nach Petersburg riecht! -, wollte er die anderen überzeugen Alle sahen sich um: scheinbar war dies eine fremdartige Befriedigung.

Der Leser wird sich über ein so langes Verweilen auf einem, so mag es scheinen, unbedeutenden Augenblick ihrer Wahrnehmung des Petersburger Geruchs wundern. Doch auf diese Wahrnehmung konzentrierten sie sich ebenso instinktiv wie ein Maler auf einen dreimal übermalten Pinselstrich, und ebenso verbissen wie ihre Wahrnehmung ist auch sein letzter Versuch. Er weiß, dass dies das erregende Moment ist, dass hier der Schlüssel für den Betrachter liegt, dass er ihnen das Geheimnis seines Herzschlags lüftet und sie in das magnetische schöpferische Zentrum führt. Dieser Pinselstrich ist nicht einzeln für sich erkennbar, aber er ist es, der für den Betrachter den Brennpunkt des Bildes darstellt.

Sie fühlten sich auch sofort i der Zone des Gesuchten gelangen, auf der richtigen Spur: hier war ihr Platz. Und dies war schrecklich erregend. Ein anderer Geruch als jener machte sich bemerkbar: der nach besonnter, sonnenverbrannter Erde – der Geruch klebriger Frühlingsblätter: dort war Reife und Geburt, hier – der Tod (gesetzmäßig wie ein Entwicklungsstadium). Diese Momente gaben wie Pole den Funken ab: eine Spannung entbrannte und klopfte im Puls, so unausweichlich, und sie war schmerzhaft elektrisiert und süß zugleich. Und sie zog sie an.

Nein, es war darin kein spezifischer plakativer Geruch von Fabrikschornsteinen enthalten, obwohl sie jetzt hier ein Plakat benötigten. O nein, dieser Geruch gelangte nicht auf das Zähnchen der Rohübersetzung, des zerlesenen Fibelchens der Zeit.

Er ging mit breiten Schultern in das Grau menschlicher Lebensalter davon.

Ja, es ist wohl möglich, dass er ein wenig nach einer Seite aus Dostojewskij roch, denn die Seiten Dostojewskijs haben ihn bewahrt – diese Seiten würden nicht existieren, hätte nicht der Künstler den Stil beherrscht und hätte er nicht dem Atmen der Petrograder Sümpfe ein besonderes Gewicht beigemessen...

Vielleicht hat eben dieser Geruch einst Peter zu den Halluzinationen verholfen, in denen er die Stadt in ihrer ganzen weiteren historischen Zukunft sah- bis zum gegenwärtigen Augenblick, um auch weiter auf ihm zu gleiten4. Es schien, als sei die Hartnäckigkeit dieses Geruchs der Befehl, die gierigen, sich dieser Eigenart widmenden Seiten immer wieder zu erforschen: Unzufriedenheit, Tapferkeit, schwindelerregende Aktivität, fast wahnsinnige Taten wurden in ihm zum Leben erweckt.

 

Aus dem Russischen von Bettina Eberspächer

[Im OSTRAGEHEGE sind die ersten vier Kapitel abgedruckt.]

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