Gundula Sell

Die böhmische Küste

 

Wie wir auf den Wellen

schwanken, und jedes Schiff zur Nussschale wird.

Wie wir um unser bisschen Leben

fürchten, das wie das Glitzern auf Wellen

verstreut um uns flattert, woher und wohin.

Wie wir uns sehnen nach dem festen

Boden, der unsre Füße trägt, jeder Schritt

ein Recht besiegelt zu kommen und zu gehen.

 

Dort fern, weiß, der Streifen: die böhmische Küste,

noch kaum zu erkennen,

doch sind wir vorbereitet, wissen wir, wie

jede Winzigkeit sich dort erstreckt,

uns entgegen:

Die Kümmelplantagen Kaiser Karls,

der pommersche Weinbau,

die nahrhafte Kreide. Ja, stehn

in der Kreide – ein Traum.

Und wie sie schon singen an Land:

Es kommt ein Schiff geladen / bis an den höchsten Bord.

Und wir haben die Sprache gelernt

in den finsteren Nächten auf See: Ahoi, ahoj –

wir können’s schon gut.

 

Warum nur scheint ferner

und blasser die Küste

von Stunde zu Stunde?

 

 

Das Landkärtchen

 

Heute möchte ich mal

ein Landkärtchen sein

und wo ich auch trudle

ein wahres Bild geben

vom Grund und vom Land.

Ich kenne den Wegerich und den Klee,

den Giersch und den Schmetterlingsflieder,

aber das große Ganze nicht,

Verkehrsknoten, Städte,

Flüsse, Gebirgszüge, Gipfel.

Ein Flügelbreit über dem Boden ist

ein Flügelbreit über dem Boden.

Wer mich aber sieht und sich auskennt,

für den fällt alles ins Gradnetz

der Längen und Meridiane,

der kennt Länder und verderbte Fürstenhöfe,

die überwindlicheren der Pässe,

die Militärsperrbezirke

und den erloschenen Vulkan.

Und wo die Löwen sind.

Ich aber weiß von allem nichts,

was meine weißen Flecken bedeuten,

nur flattern mit ihnen

über Schafgarbe, Löwenzahn

und daran glauben, dass es Leute gibt,

die alles das entziffern können.

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