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Edmond Jabès Das Buch des Dialogs [Auszug] Der Vor-Dialog. Der Brunnen, oh Dialog: die Stütze eines Augenblicks von Wasser, das unserem ewigen Durst versprochen ist. Illusorischer Ausweg. Du erforschst Dein Antlitz. Es meißelt gleichzeitig das Deine. Ein Weiser sagte: „Wenn ich mich an Gott wende, fürchte ich immer, daß ich Seine Sensibilität verletze, so ungeschickt sind meine Worte, aber wenn ich nicht zu Ihm spreche, könnte er daraus schließen, daß Er mich vielleicht verletzt hat. „Die Beziehung zu Gott ist nicht so einfach, wie man vermuten könnte. „Der Mensch kennt sie nicht, aber Gott kennt sie. Hat Er nicht von Beginn an Seinem Mißtrauen gegenüber dem Wort Ausdruck verliehen, Wegbereiter an Seinem Ort, des Alles und des Nichts? Zwei Schöpfer gleicher Mächtigkeit streiten sich um die Schöpfung. Gott hat das Problem gelöst. Die Teilung zurückweisend. Er hat sich in Schweigen geflüchtet, das Wort sich selbst überlassend.“ Und er hat hinzugefügt: „Wir haben von irgend einem verwaisten Wort geerbt, irrend, im Exil, wir haben vergeblich versucht, zu herrschen ohne zu ahnen, daß es uns unserer gemeinsamen Einsamkeit überließ. „Entscheidend ist der Dialog. Von einem Ende zum anderen eines Lebens, das am begeisterten Leben erlischt – schwärmerisch – das es umfaßt.“ * Der eine sagt „Ich bin der Punkt. Ah, ich würde gern eines Tages den Kreis entdecken, dessen Zentrum ich sein muß: mein Universum.“ Der andere sagt: “Ich bin der Kreis. Ah, ich würde gerne eines Tages das Zentrum entdecken, das auf gut Glück der Linie einen Sinn verleiht.“ * „Sich seines Universums bewußt zu werden, sagte ein Weiser, würde nur bedeuten, sich darin einzuspannen, um dessen unerträgliche Einfriedung zu erweitern; von einer winzigen Zelle aus von einem unendlich großen Gefängnis zu träumen. „Wir richten uns einen Raum ein, der ohne unser Wissen sich alsbald über uns selber schließt. „Der Geist geht erstickt unter. „Denken bedeutet dann nichts anderes, als unermüdlich die runden Grenzen des Denkens zu berichtigen. „Wir kommunizieren, die einen mit den anderen, im Inneren von jenen. „So würde dialogisieren bedeuten, daß man jedes Mal ein wenig mehr zusammen einen geöffneten Raum ausstattet.“ Und er fügte hinzu: „Unser Durst nach Freiheit liefert uns den Beweis dafür. Wir stoßen an die Mauern, die wir übrigens mit unseren eigenen Händen errichtet haben, vergessend, daß wir dazu berufen sind, aus demselben Durst geboren werden und zu sterben. „Die Freiheit liegt in diesem Vergessen.“ * „Weißt Du, warum Du angesichts der provozierenden Stummheit Deines Gesprächspartners befangen bist? Das geschieht, weil mit ihm das Spiel verfälscht ist. Er hindert Dich daran, zu Dir selbst über Dich zu sprechen“, hatte er geschrieben. Und er hatte hinzugefügt: „Wäre der Nächste nichts als unser Ersatzgesicht, die passende Maske, die uns zugleich seiner Sicht entzieht und uns endlich erlaubt, frei zu sehen? „Man muß für die Pupillen einen neuen Weg finden;; für die Einsamkeit die treue Unterstützung eines blinden Blicks. „Deine Gegenwart ist so teuer, oh sanftes Geschenk des Auges in seiner ursprünglichen Reinheit. „So lebhaft und solide – so grünend – sind unsere geheimen Bande.“ „Das Auge ist ein Kreis, hatte er notiert; aber die Iris ist der Abgrund. „Wir sprechen im Namen einer Einsamkeit, der wir unsere Worte entlehnen.“ Der Grund ohne die Form ist ein Denken ohne Körper. Die Form ohne den Grund ist ein Körper ohne Gedanke. - Bist Du für die Form oder für den Grund? -Ebenso gut kann man mich fragen, ob ich für die Welle oder für das Meer bin. ...aber ist das der zerstörte Körper, der in seiner Folge den Geist ins Leere zieht, oder der Geist auf dem Gipfel seiner Macht, der den störenden Körper ins Nichts stößt? „Wir sind die Opfer eines schweren Rechenfehlers, sagte er; einer mißbräuchlichen Waghalsigkeit oder einer verhängnisvollen Fahrlässigkeit.“ Man klopft nicht an die Pforten des Todes. Man tritt dort ein oder kommt daraus hervor. Würde die Tröstung im Kunstgriff bestehen? Das Gedächtnis erschreckt uns. Die Erinnerung leistet uns Beistand. Wir erinnern uns an die paar Augenblicke eines persönlichen – anonymen?–Todes -dessen Leben das gekränkte Bild bewahrt hat. Für die Stille ist das Bild befriedigtes Aufspüren. „Wo alles schweigt, sieht das Auge“, hatte er notiert. „Wie sich auf den Augenblick stützen, der sich seinerseits auf nichts stützt?“ fragte man ihn. „Die Auslöschung hat als Zukunft die Auslöschung, aber man kann nur das ausradieren, was war“, antwortete er. Der Tod löscht sorgfältig den Tod aus. (Das Alter: da
stelle ich mich mit meiner Seele und meinem Körper bloß. Darin liegt die
Zeit und der Spiegel. Ich habe das
Alter der Zustimmung.) * Wenn Du Dich an nichts mehr erinnern wirst, wirst Du beginnen, Dich an die Anfänge Deines so weit zurückliegenden Lebens zu erinnern, und an die Dinge. Es liegt in unserer Macht, Gott zu denken – eine trügerische Macht – aber wir können uns nicht an Ihn erinnern. Es gibt keine Rückkehr zu Gott, Gott ist vor uns. „Wenn Gott nicht in unsere Erinnerungen eintreten könnte, gäbe es dort einen Teil des Menschen, zu dem Gott niemals vorgedrungen wäre“, sagte er. Und er fügte hinzu: „Gott herrscht nicht absolut außer über den Tod.“ Das Gedächtnis, eine Korbflasche, deren Erinnerung der Korken ist. Laß diesen herausspringen. Du wirst Dich an ihrem Inhalt berauschen. Loyal ist das Gedächtnis; Verräter, die Erinnerungen. Wir werden unsere Vergangenheit auf die Treulosigkeit des Sandkorns gebaut haben. Rechtschaffen ist dennoch die Wüste; redlich die Leere. Der Dialog hat seine Absätze: Enttäuschung des Abgrunds, Das Nichts hat auch seine Stufen. Der Himmel der Ameise ist keineswegs der unsere; der des Blattes auch nicht. Du schreibst die Hand in den Wolken oder verloren im Licht. Das Feld, auf dem die Wörter sich weiter entwickeln, ist seinem Gegenstand angemessen: der richtige Raum. Wir sind die Einzigen, die ihn retten können. Der Schriftsteller zeugt von der Vitalität des Zeichens. ... Blick, der von nun an nur das Unsichtbare erfaßt. So klar sind die Horizonte. Das Auge bestimmt das Unendliche; stellt es, es zerkleinernd, sich selbst gegenüber. Jeder Bruch ist Zustimmung zum Dialog, Vorspiel und Ende eines hinterlassenen Wortes. Schreiben, das bedeutet, den Dialog zu widerlegen, aber es bedeutet auch, ihn in der Zurückweisung einzurichten. Jeder Dialog ist niemals etwas anderes als die Konfrontation zweier verurteilter Monologe. Heftigkeit der Brüderlichkeit. Wer wird uns für diesen Mord verurteilen? Das, was zu denken ist, wird im Kielwasser eines Gedankens gedacht, von dem man nur das Vorüberziehen ausstreichen kann. Es ist nicht dieser Gedanke, der jemals erfaßt werden wird: er hat nur anderen den Weg eröffnet. Das Wichtige ist nicht die Erfahrung. Was vielleicht wichtig ist, ist der Grad an Intensität, die erreicht wird, indem man sie lebt. Wahrheit und Freiheit können nicht ohneeinander verstanden werden: sie sind Gräser von derselben Wiese. Schreiben bedeutet das Nichts tun, indem man denkt, daß man das Alles tut? Nur dieses tägliche Tun wird für uns wichtig gewesen sein. * „Der, der vorbeigekommen ist, hat uns das Bedauern hinterlassen. „Der, der erwartet wird, wird er uns die Hoffnung bringen? „Der erste hat uns alsbald wieder erkannt. Erinnert der zweite sich noch an uns? „Vergangenheit und Zukunft sind verdeckte Seiten desselben Würfels“, sagte er.
Und wenn Gott nur das Überleben von Gott im Herzen seines untrüglichen Gedächtnisses wäre? Man könnte Ihn nur durch es anreden. Oh, völlige Verfügbarkeit.
Man erschafft nicht. Man erinnert sich wieder. ...zu dieser erhabenen Verfügbarkeit gelangen. Gerede. Ah dieses ärgerliche Gemurmel zurückweisen, nichts mehr als das Abhören eines planetarischen Abhörens sein; wobei entdecken nichts anderes bedeutet, als die Keile lösen. Verlieren. Verlieren. Verlieren. Wir empfangen nichts. Wir geben Alles. „Es gibt, wiederholtest Du in der Hingabe, oh elende Tröstung, keinen Dialog, sondern eine Zeit, die der Zeit entzogen und der Ausarbeitung des Wortes gewidmet ist. „Bewahre bei Dir die Zeit. „Das, was wir versuchen, uns zu sagen, ist schon für jedes gesprochene Wort verloren. „Oh Schweigen. Ideale Harmonie. „So vereint sich das Meer erst mit dem Meer, wenn der Wind nachläßt.“ (Wir werden als
Quelle geboren, sagte einer meiner Freunde Wir sterben als durstiger Sand.).“ „Vielleicht schreibt man nur, um einige Worte vor der Feuersbrunst, die in uns schwelt, zu retten“, sagte er ebenfalls. * Und wenn der Dialog nur das Brechen eines anonymen Buches wäre, dessen Teile weniger suchten, sich wiederherzustellen als den Bruch zu verdeutlichen? Wir sprechen mit uns durch eine Verletzung hindurch, deren Ursprung wir niemals kennen werden. Die Linie ist schwarzer Umriß des Todes. Das Leben breitet sich in weißen Punktierungen aus. („Der Bruch
ist, vielleicht, Ursprung der Ewigkeit. „Die
Verwundung unbestritten Ursprung des Lebens; eines Lebens,
das zwischen vier alten Spiegeln dahinfließt, hatte
er notiert). (Aus dem Französischen
von Una Pfau,
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