Lola Ridge

DIE ALLEE

Da du vier Jahre alt bist,

ist die Kerze hübsch aufgemacht mit neuer Rüsche.

Und die Sterne nicken dir zu durchs Loch im Vorhang

(mal abgesehen von den großen starren Planeten,

die zu fett sind, sich von der Stelle zu bewegen),

und du machst einen Knicks vor den Sternen,

wenn niemand hinguckt.

Der arme hölzerne Stuhl tut dir leid,

denn er weiß, es macht kein Vergnügen, auf ihm zu sitzen,

und niemand ist traurig außer Mama.

Du willst nicht, dass Mama traurig ist,

wenn du vier Jahre alt bist,

also tust du so,

als würde der bittere, matt goldene Tee dir schmecken –

du gibst vor,

falls du ihn nicht schleunigst austrinkst,

dann werde ein kleiner Goldfisch

glauben, es sei ein Teich

und kommen, um darin geboren zu werden.

 

Es ist heiß in unserer Straße

und das Lüftchen ist ein dreckiger kleiner Besen,

der Staub in unser Zimmer fegt

und Papierschnitzel von der Allee.

Man lässt dich nicht spielen

mit den Kindern in der Allee.

Aber du musst sehr artig sein –

also gehst du an ihnen vorbei und sagst Guten Tag

und wenn sie mit Bananenschalen schmeißen,

dann schmeißt du sie wieder zurück.

 

Da ist niemand, mit dem man spielen könnte

und die Fliegen am Fenster,

sie surren und surren…

… du kannst ihnen die Beine ausreißen

und Nadeln in ihre Leiber stecken,

aber sie surren weiter…

und Mama sagt:

Als Nero ein kleiner Junge war,

da fing er Fliegen am Fenster seiner Mama

und riss ihnen die Beine aus

und steckte Nadeln in ihre Leiber

und niemand liebte ihn.

Surrt, blaubauchige Fliegen –

surr, du garstiges schwarzes Rad

von Mamas Maschine –

du bist die größte Fliege von allen –

du surrst am lautesten.

Noch vor den Heuschrecken hör ich dich im Morgengrauen.

Doch mag ich das Bild von der Sintflut

und den kleinen Babys, wie sie ertrinken….

Wenn ich dort wäre, würde ich sie retten,

aber weil ich sie nicht retten kann,

schaue ich gerne zu,

wie sie ertrinken.

 

Wenn Mama bei Ling Ho einkauft,

dann lächelt er über das ganze Gesicht

und greift für sie nach den größten Japanischen Mispeln.

Der Gemüsehändler gab ihr einen Kohl

und sie hielt ihn an ihr schwarzes Korsett

und sagte, was für ein wunderschönes Grün das sei

und legte ihn auf den Tisch,

als ob es eine Blume gewesen wäre.

Aber am folgenden Tag kochten und aßen wir ihn mit Salz.

Er war unser Abendessen.

 

Am Weihnachtstag

fand ich Janie auf meinem Kissen vor.

Janie besteht aus Gummi.

Ihr rotblaues Jäckchen will sich nicht abnehmen lassen.

Das Weihnachtsessen war Grünzeug mit hellem

Hühnchen und Kopfsalat und Erbsen

und Öltropfen auf dem Salat

freundlich und mit einer Lichtfülle

wie das Gold auf den Zähnen der Damen.

 

Doch Mama sagte höflich

Danke schön, wir essen draußen.

Sie wollte nicht erlauben, dass du auch nur eine Erbse

in das Loch stecktest, wo sich die Pfeife

am hinteren Teil von Janies Kopf befand,

damit Janie etwas zu essen hätte.

Also gingst du zum Park mit Keksen

und schwarzem Tee in einer Flasche.

 

Du bist sehr traurig,

wenn du den Zaun hochkletterst

um Mama nachzuschauen, wie sie außer Sichtweite gerät.

Die Frauen in der Allee

strecken ihre Köpfe aus den Eingängen

und schauen ihr ebenfalls nach.

Du erkennst sie

an der Art, wie sie ihre Schultern hält,

bis sie nur noch ein Fleckchen ist

in einer Reihe von Fleckchen –

bis sie verschluckt wird.

Aber nimm mal an,

dass du Tag für Tag

nach ihrem Gesicht Ausschau halten müsstest

und es käme nicht zurück?

Nimm an,

es würde aus der Reihe von weißen Gesichtern herausfallen

wie die Perle aus meiner Kette,

die ich nie mehr wiederfand?

 

Mabel kümmert sich um dich, während Mama außer Haus ist,

sie singt beim Waschen

Drei blinde Mäuse!

Die ergreifen die Flucht vor des Farmers Frau,

schnitt ab ihre Schwänze

mit Fleischmesser, au –

Wind bläht Mabels Laken auf

so wie man in eine Tüte bläst, bevor man sie knallen lässt.

Wind hat einen seifigen Geruch.

Er ist schwerer und Sonne macht sich über dir breit ganz schwerelos

und stimmt dich froh

und blubbernd wie siedendes Wasser.

Über dem leeren Haus ist keine Sonne –

hinterlistig aussehendes Haus –

du kannst ihm nicht in die Fenster schauen,

die dich aus ihren Winkeln heraus beobachten.

Vielleicht sitzt da eine große Spinne

und spinnt graue Fäden über die Fenster,

bis sie aussehen wie die Gesichter toter Leute…

Jimmie sagt:

Jimmies Haar ist weiß wie eine weiße Maus.

Seine Wimpern sind golden wie Mamas Hochzeitsring

und sein Mund fühlt sich kühl und sanft an

wie eine von Regen befeuchtete Blume.

Man würde nicht glauben, dass Jimmie anders wäre…

bis er es einem zeigte…

 

Nasse Laken geblendet

flattern auf den Leinen…

Sonne auf deinen Augen,

dunkel goldene Sonne

voller kleiner schwarzer Punkte,

du musst blinzeln und blinzeln…

Jimmies runde Augen…

Jimmies blauer Pulli…

blauer Mauerschatten…

alle Welt hält still

wie wenn eine Uhr stehen bleibt

Straßen still… Leute still…

keine Straßen… keine Leute…

nur Himmel und Mauer…

Sonne scheint gottgleich grell

herunter auf dich und Jimmie…

Schatten wie ein lila Tuch

verliert sich vor der Mauer…

 

Nasse Laken unbändig

flattern im Wind…

Füße mit großen Pantoffeln flattern ebenso…

großes Ballongesicht

eilt die Allee entlang…

Häuser verschließen sich wieder…

Fenster halten Ausschau…

… Mabel zerrt dich ins Tor hinein und schüttelt dich

und sagt dir du sollst deiner Mama nichts sagen…

Und du fragst dich

ob Gott Jimmie verdorben hat.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Bonn

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