Cyprian Kamil Norwid

Ein Traum

Ich hatt’ einen Traum – nicht wissend, um wieviel traumlos?

 

Auf dem Kampffeld lagen zwei Menschen,

Leblos ein jeder, aber in anderer Haltung:

Jener aus Osten, geprägt mit dem Leib in die Erde,

Das Gesicht zum Himmel gerichtet,

Sähest du hin, müßtest du immerzu denken,

Daß er da lebte... und eilte doch nur voraus

Kraft seiner selbst... und so wurde er blasser und blasser,

Er, der Mann mit dem Antlitz wie festgeprägt in den Himmel,

Als wär er, ein Mensch, der ver–liebt, der ver–guckt

Und ver–tieft sich in etwas... ins Gesicht einer Frau,

In Gedanken, in etwas, nicht zu erreichen, bis ans ewige Ende,

In die Sache, mit Sternen soviel wie auf dem Bogen der Milchgalaxie!

– Dieser Mann, mit dem Rücken in Erde versinkend,

Gegen den Himmel mit Brust und Stirn leuchtend;

Du könntest glauben, der Himmel beichte vor ihm,

Oder er hätt’ keine Kraft mehr, der Erde Absolution zu erteilen,

Oder er habe mit beiden Bereichen

Gekämpft... bis er die Hand zum andern erhob,

Zu dem auf dem westlichen Platze,

Mit einem letzten Atemzug schrie jener: „Erde!”

 

Der Mensch aus der westlichen Sphäre war in anderer Pose gefallen:

Die Schläfe auf frischen Rasen gelegt,

Gebreitet für seine Wunden, 

Wie eine Schrift von Sammet umhüllt,

Und er war wie ein Mensch vertieft in den Inhalt

Des Werkes, von Verspieltheit durchdrungen und Größe...

– In einer Art, wie einem Atom das andere folgt,

Sein Gesicht sahst du immer geringer.

Wenn Dante das war, dann war das der Himmel im Einband

Des Buches – und in seinem Hirn war Beatrice,

Tiefer und tiefer ver–sunken,

So... daß er bebte – oder der Lehm unter ihm –

Und mit dem Hauch seines Atem, dem der Tod den Mund kühlt,

Schrie er zu dem in östlicher Lage: „Himmel!”

 

Auf diese zwei Rufe trat ein – gewaltige Stille,

Doch ich sah die Gefallenen nicht,

Ich weiß nicht, bin ich erwacht, stand auf ich...

Über die Lippen lief mir ein Tropfen,

Salzig... was der Mensch für salzige Tränen hat,

Der weinen kann... oder auf etwas wartet...

.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .

Also – war keine Träne...

 

1856, im April 

 

 

Marionetten

 

Wie diese Öde nicht fühlen? wenn hier auf dem Erdball

Millionenfach Sterne still glimmen,

Und jeder auf andre Art hell ist,

Und alles steht – und es fliegt...

 

Und die Erde, sie steht – und der Abgrund der Zeiten,

Und alle, die leben, in diesem Moment,

Von denen kein Knöchelchen bleibt,

Also – die Menschen werden sein wie sie waren...

 

Wie diese Öde nicht fühlen auf einer solch winzigen Bühne,

Hergerichtet so unmeisterlich,

Wo alle für alle Idealbilder spielten,

Und das Theater mit dem Leben bezahlt ist –

 

Wahrlich, ich weiß nicht, wie diese Zeit hier verbringen,

Ganz ehrlich: Langeweile ergreift mich;

Was, bitte, Madame, gilt’s hier zu tun,

Prosa zu schreiben, Gedichte? –

 

Oder gar nichts zu schreiben... nur in der Sonne zu sitzen

Zur Lektüre einer schönen Romanze:

Was nur schrieb die Flut in die Sandkörner ein,

Gewiß zur Zerstreuung der Leute (!) –

 

Oder noch besser – ich kenne die heutige Art

Gegen die lausige Langeweile:

Die Menschen vergessen, nur bei Personen verweilen,

– Eine Krawatte haben – allerliebst zugeknöpft! ...

 

1861

 

 

Der Kritiker-Zensor

 

Die „Wilden“ tragen Federn am Kopf –

Gleichwohl, so ist es um deine Feder bestellt,

Wenn du nicht kennst einen Unterschied

Zwischen Kritik und Zensur

 

Die zweite Ebne – schlecht oder fruchtbar –

Nie der eignen – sondern der ersten Kraft

Ist sie eigen, ist ihre Erbschaft

Nach ihnen, deren Werk sie überlebte!

 

Wie denn? sind deine Kräfte entstanden,

Berater! ephemerer Konflikte:

Gerichtet werden Autoren von ihren Werken,

Nicht – Autoren von andren Autoren!

 

Denn es verlör sich der Unterschied auch,

Was also? Ein freundlicher Geist und was? Händler:

Pamphlete wären solcherlei Werke,

Der Kritiker? ... wär Randalierer!   

 

 

 

Post scriptum (I)

 

Nicht nur die Zukunft ist ewig – nicht nur! ...

Auch Vergangenheit, wirklich, ist ewiges Sein:

Was schon geschah, der Augenblick schließt es...

Zur Idee kehrt’s zurück, doch zu dem nicht, was war.

 

Vergangenheit hat Endlosigkeit in einer ewigen Hälfte:

Das Schließen –  das Öffnen – gleichzeitig lernen wir es!

Nur heute, ihr Meister der Klassik,

Wißt den Schlüssel ihr auch, mit welchem und wo, zu bedienen?

 

Aus der ganzen Tragödie der klassischen Welt

Kennt Einteilungen ihr und von der Rhetorik die Stile:

So, als gehe einer aufs Grab seines Bruders

Sich zu herbarisieren! Kräuter zu pflücken!... soviel!...

 

Lateinische Schildchen an Sträucher zu binden

Von Trauer erfüllte über den [Gräbern]1  

Nein!... Lieber wollt ich das trübe Rauschen von silbernen Pappeln

Im Geplauder mit namenlosen Ruinen,

Mit dem Leuchter der silbernen Träne wollt ich viel lieber

Ins Unterirdische steigen – als mit euerem Wörterbuch.     

 

 

Geheimnis

„Ein Geheimnis, was für ein großes Geheimnis!“

Chor

„Wieso? um den Adel zu täuschen“ * 

* * *

Wie ein Geist von höherem Wissen als die Polemik,

Flanierte er durch ein stilles und fruchtiges Lorbeerspalier,

Er, der berühmte Schriftsteller (etlicher Orden Gesellschaftslöwe,

Porträtiert, Akadamicus wie allgemein üblich,)

Und überlegte: „Wo? stammt er her, daß er seit des Augustus‘ Tagen,

Als Rhetorik sowohl in Prosa als auch in Reimsilben blühte,

Als man die Wahrheit suchte sowohl mit Reimen als auch mit Prosa,

Keiner wußte und kannte andres als Rom:

Was dann? mit goldenem Mund verkündet Judäa der Welt –

Was? mit seinem Lob David sang oder Jeremias mit Grauen –

Was? Ezechiel… war sehr wenig ihnen bekannt,

Mit solch einem Klang in den Ohren in ihrem verstockten Stolz…“

– Wenn die Geister man spürt, vorsätzlich werden sie sich versteifen,

Oder wenn die Menschheit sich inskünftig lieben sollte, unmöglich!

 

* vermutl. von Norwid selbst konstruiertes Zitat

 

 

 

Aus: Über die Freiheit des Wortes

 

X

Also war dieses möglich, als – in den Zeiten Augustus‘ –

Den Rednern schon alle Formen kamen über die Lippen,

Als sie zur Stimme wurden, und das, was das Äußre-des-Wortes bedrückte,

Zum Innren blickend – und dabei redend aufschlug

Das Blatt: „Wie? wollt ihr Verkündung erbaulichen Inhalts,

Wenn selbst in der Tiefe des Herzens ihr schlecht seid? ...“

Soeben und heute, und jetzt, allezeit,

Trotz Druckes, trotz Tagebüchern – zwei neue Methoden –

Demnach, wenn der Druck Geld ist, und dieses Geld – Macht,

Wie? wäre die Freiheit-des-Wortes dann zu verbreiten? ...

Wenn im Orakel, das Wahrheit verkündet,

Die unaussprechliche Kränkung der Herzen verspürt wird.

 

Sogar Heroismus, ist er vorhanden? ... in der Rolle der Helden,

Nicht – als Gebilde der Luft und Charakter-Schule der Menschen,

Der Leser? – wenn er als Autor das eigene liest,

Der Verkäufer der Bücher? – blätternd im eignen – jeder erntet, und niemand, der pflügt,

Bis dahin, was zeitnah – wird als das Gute verkauft,

Die Bücher folgen eins auf das nächste im Rennen wie Velozipede...

 

Jener sagt „Freiheit?“ – aber in der Bewegung der Füße

Ist, schleppend am Boden, die Kette verborgen.

Dieser sagt ohne verlogene Stimme „Aufrichtigkeit“,

Doch ohne zu fragen: ist er in sich selbst nicht betrogen? ...

 

– Schwere Schläge!...

                                   ... beklagen sollte sie keiner,

Weil scheinbar, ob schon bekannt und aus der Ferne zu sehen.

 

*

Doch, welcher Autor?, Buchhändler?, Leser?

Wird sich vergnügen damit? ...                                        

                                                   ... wenn nicht das Album

Aus Gänseblümchen zusammengesetzt und vielfach duftenden Pflanzen,

Die in unauslöschlichem Rhythmus bei den Ahnen blühen;

Wenn es nicht eine dieser goldenen Landschaften ist,

Wo über dem Wasser die babylonische Weide klagt,

Die weiße Hand auf der Schläfe – keine

Poetische Eiche, auch keine Esche aus den Romanzen,

Weder das flaumige Grün, noch der saftiger Efeu der Gräber –

Res-publica! nur – ihr Gemeinsinn!

 

(Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch)

 

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