Iryna Fingerowa

Fliege und Knocke

Freunde hatte Jewgeni, und was für welche, er war befreundet mit einer karierten Tasche, vollgepackt mit Schuhen in Größe 46, einem Armband aus Melonenkernen und noch mit Knocke, dem Gehilfen des Müllmanns. Und eben dieser Knocke hatte sich für Jewgeni den Namen Fliege ausgedacht, als Abkürzung von „Fliegenpilz“.

Fliege war ein ganz Besonderer – der letzte Romantiker auf der Welt, so jedenfalls hatte ihn immer sein wissenschaftlicher Betreuer Wasili Wasiljewitsch geneckt, wenn er ihm einen Hunderter Wodka in ein geriffeltes sowjetisches Glas einschenkte und hinzufügte: „Also, dieses Jahr machst du deine Dissertation ganz sicher fertig.“

Flieges eigentümliche Scheu vor der Welt verwechselten viele mit einer geistigen Behinderung. Er konnte vergessen, sich den rechten Schuh anzuziehen, aber niemals vergaß er seine Orchideen zu gießen (in Flieges 12-Quadratmeter großer Wohnung lebten 14 Orchideen und jede von ihnen hatte einen Topf in einer eigenen Farbe). Er konnte die morgendliche Arbeitsbesprechung vergessen, aber niemals vergaß er eine Sitzung des studentischen Arbeitskreises Naturfreunde, der sich einmal im Monat im Raum 107 traf. Er konnte auch vergessen, dass er verheiratet war, aber niemals vergaß er, mit einem in Äther getränkten Batisttuch über die Linsen seines Mikroskops zu wischen.

Warum Fliege jetzt aber plötzlich auf der Straße lebte, war ihm selbst nicht ganz klar. Er regte sich auch nicht darüber auf. In der ersten Zeit kam er noch seinen Lehrverpflichtungen nach.

Die Menschen um ihn herum erwiesen sich als gutmütig und herzlich. Baba Walja, die Diensthabende für die Toiletten, öffnete das Herrenklo um 8 Uhr 20 statt, wie eigentlich üblich, um 8, damit Fliege am Waschbecken seine Morgentoilette bestreiten konnte. Nach den Nächten im anatomischen Theater wollte er sich einfach wieder auf Vordermann bringen. Fliege schlief in der vorletzten Reihe (zum Glück war er dünn und passte rein) und beim Einschlafen sah er in regelmäßigen Abständen Tauben Suizid begehen – sie knallten gegen das vielfarbige Glas der mit Fresken verzierten Kuppel. Das Licht sickerte wohldosiert in den Raum, in dünnen Scheiben, und Fliege mochte, was er da sah.

Fliege liebte das Sparen. Schon in der Kindheit, als sie wenig Geld hatten und sich nur ein einziges Glas Pfirsichmarmelade im Jahr leisten konnten, begriff er, wie großartig es war, am Tag nur einen Viertellöffel davon zu essen, sich die mit Marmelade verschmierten Lippen zu lecken, die Wonne in die Länge zu ziehen, sie auszukosten. Ist doch was ganz anderes, als sich alles auf einmal hineinzustopfen! Hinterher tut doch bloß der Bauch weh. Und auch jetzt wusste Fliege jedes dünne Streiflein Realität zu schätzen, das der Mondschimmer dem dunklen Saal entriss. Eingelullt von den aufschlagenden Vögeln und seinem eigenen Atem schlief Fliege ein.

Er wachte ohne Wecker auf, gewohnheitsmäßig, lief zu Baba Walja, sperrte sich in der Toilette ein, zog seinen zerknitterten Anzug aus, öffnete die Tür einen Spalt weit, steckte verlegen seine Sachen hindurch, dankte. Baba Walja bügelte alles ganz schnell, hin und wieder hörte er sie ein bisschen lachen. Fliege wusch sich. Durch den Spalt nahm er seinen Anzug zurück, zog ihn hastig an und rannte in die Mensa, die sich im selben Stock befand. Galina Wiktorowna, mädchenhaft und lachlustig, sah ihn wohlwollend an und machte Instantkaffee mit Milch.

„Sind Sie hungrig?“, fragte Galina Wiktorowna dann immer.

„Nein, nein, morgens hab ich irgendwie keinen Hunger, lohnt sich nicht“, murmelte Fliege dann und musste schlucken.

„Das sagen Sie doch jedes Mal und nehmen dann alles fürn Dankeschön!“, lachte Galina und füllte einen Plastikteller mit Krautsalat, Schwarzbrot und Kottelets.

„Also, wenn ich ehrlich bin“, Fliege begann zu flüstern, „bereitet mir Kraut gewisse Beschwerden…“

„Was reden Sie da nur?“, plapperte Galina, „Kraut ist sehr gesund, und überhaupt ist die Toilette ums Eck“, und dabei kugelte sie sich schon vor Lachen.

Fliege aß und ihm wurde warm ums Herz und ruhig zumute.

Um 9 ging er in den dritten Stock und sagte hallo zu Marta Leontjewna, die gerade Unterricht mit Ausländern machte. Ein paar Sekunden sah er ihr dabei zu, wie sie die hellrot gelockte Perücke auf ihrem Kopf kratzte und mit dem Zeigestab gegen die Tafel hämmerte: „The mitochondrion is a double membrane-bound organelle found in all eukaryotic organisms“.

„Verstanden?“, fragte sie, vom Lehrbuch abweichend, auf Russisch. Die Zuhörer schenkten ihr keine Beachtung.

Marta wiederholte: „Verstanden?“, sie stampfte mit den Füßen und ihre zahlreichen Armbänder rasselten dabei. Fliege tauschte mit den Studenten wissende Blicke und begab sich ins Labor. So ging das zwei Wochen lang.

Man möchte meinen, dies geheime Komplott der Diensthabenden, Wachleute und Putzfrauen hätte bis in alle Ewigkeit bestehen können, aber eines Tages fand sich ein verschämter Fliege doch im Büro des Lehrstuhlleiters wieder.

„Sie leben auf der Straße?“, fragte der Chef und schnäuzte sich lautstark in ein Taschentuch.

„Entschuldigen Sie, ich bin erkältet.“

„Ja, genau so ist es, Pal Makarytsch“, grummelte Fliege, während er seine Knie besah.

„Wie kam denn das?“, fragte Pawel Makarytsch mitfühlend. „Sie hatten doch eine schöne Zweizimmerwohnung auf dem Prospekt…“

„Die ist verbrannt.“

„Verbrannt?“, verwunderte sich der Chef.

„Ja. Alles verbrannt. Meine Frau, unsere Fotos, ihre Lieblingsbücher, meine Lieblingsbücher, und unsere Verlobungsringe – auch verbrannt, die brannten sogar heftiger als alles andere, die Töpfe – verbrannt, und ihr abgeschnittenes Haar, das ich aus Dummheit 15 Jahre lang aufbewahrte, seitdem sie sich am Tag unserer Verlobung davon getrennt hatte. Alles, absolut alles völlig verbrannt, so kann man das wohl sagen“, murmelte Fliege.

„Und Ihre Orchideen?“, fragte Pawel Makarytsch. „Alle wissen doch, wie viel die Ihnen bedeuten.“

„Die hat sie weggeschmissen“, Flieges Stimme ging in ein tragisches Flüstern über.

„Wer?“ Der Chef hatte nicht verstanden.

„Meine Frau natürlich“, antwortete Fliege.

„Aber die ist doch verbrannt …“

„Bevor sie verbrannt ist!“, fiel ihm Fliege ins Wort. „Bevor alles verbrannt ist, hat sie meine Orchideen weggeschmissen, sich ihre Lederschuhe, diejenigen, die ich ihr zum achten März geschenkt hatte, noch daran abgewischt, und dann ist sie verbrannt. Und ihre Lederschuhe sind mit ihr verbrannt. Sie brannten mit einer blauen Flamme. Lang und qualvoll.“

„Wenn Sie erlauben, Jewgeni Petrowitsch“, der Chef wurde jetzt nervös, „reden wir hier von Fakten oder sprechen Sie in Metaphern? Ich verstehe nun wirklich gar nichts mehr.“

„Ist doch im Grunde ein und dasselbe“, sprach Fliege nachdenklich und nachdenklich war er auch wirklich.

Ohne sich von irgendwem zu verabschieden – weder von Baba Walja, noch von Galina und dem Wachmann Ljoscha, auch nicht von seinem wissenschaftlichen Betreuer – verließ Jewgeni Petrowitsch das Gebäude der Medizinischen Universität und begann langsam, sich in einen Fliegenpilz zu verwandeln.

 

(Aus dem Russischen von Jakob Walosczyk)

[gekürzt, die gesamte Erzählung können Sie in OSTRAGEHEGE 89 lesen]

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