Zsuzsanna Gahse

Siebenundsiebzig Geschwister

 

Wolfsgeschwister sind wir,

meine drei schlaksigen, gut

gewachsenen Brüder und ich.

Die Ruhe selbst sind wir, ruhige

Wölfe, so schauen wir einander

in die Augen, kreuz und quer in

die Augen. Der älteste Bruder

lässt sich schon mal ins Gras

fallen und lacht, während die

anderen beiden tanzen, als

kämen sie aus einer südlichen

Gegend, vom Mittelmeer, sie

sind die Mitte der Welt, meine

eingebildeten Brüder, ich bilde

sie mir ein, die drei, und während

wir die neusten Pläne aushecken,

spotten wir gerne über andere,

holen damit Kraft, sagt der Älteste,

der junge Mann mit dem schönen

Nacken, dem vollen Mund voller

Zähne. Langsam geht er durch den

Garten, und sobald ich allein bin,

ahme ich seinen Gang nach.

 

 

 

Drei Schwestern und ein Bruder,

er ist der Jüngste, das sechste Kind

einer ursprünglich achtköpfigen Familie.

Zwei ältere Brüder starben bald

nach der Geburt in Wieden,

von Wieden ist häufig die Rede

oder vom vierten Bezirk in Wien,

und da kommen weitere Personen

ins Spiel, zunächst Vater Leopold

mit seinen neun Kindern, die er

allein durchzubringen hatte.

 

Leopold. Als sei er schon als Vater

auf die Welt gekommen, als sei er

als bärtiger Mann bereitgestanden,

als hätte er seine neun Kinder

allein geboren, dabei war die

kleinste Tochter sechs Jahre alt

als die Mutter starb. Diese Kinder,

die Geschwister, kannten einander

lang, lang, sozusagen von

vornherein nackt, spätestens

von den ersten Erinnerungen an.

Sie kannten einander,

die natürlichen Geschwister.

 

 

 

Zwei Ecken weiter ist der Bruder

heute beinahe der Vater seiner

drei jüngeren Schwestern, oft

ist er krank, der kränkliche

Herr Brudervater ist ein feiner

Pianist, und das älteste Mädchen,

längst eine Frau, Galeristin in

der Innenstadt, hilft ihm.

 

 

Von jetzt an gibt es nur

mehr zwei Schwestern.

 

Drei Schwestern

hadern im Kirschgarten,

haben eine ähnliche Haut,

sie schnuppern gemeinsam.

 

Letztes Jahr sahen sie sich gezwungen, den Garten zu verkaufen, jetzt streifen sie seit dem Sommer zwischen den Bäumen umher, pflücken heimlich Kirschen, dabei schauen sie sich vorsichtig um, meinen aber, dass die Früchte immer noch die eigenen seien. Im Frühling, kurz vor der Blütezeit, brachen sie einzelne Zweige ab, um sie zu Hause in große Vasen zu stellen.

 

 

Alle drei verstummen,

sobald jene zwei auftauchen,

die sich als Adoptivgeschwister

ausgeben und seit Jahren

ein Paar sind. Beide schauen

in die Ferne, sehen nichts

als die Ferne, und niemand

kann sich mit ihnen unterhalten.

 

 

Und die vier Schwestern haben

eine ähnliche Haut und riechen

duften sagt man

ähnlich, obwohl sie sich verschieden

parfümieren, alle vier watscheln

ähnlich, und ihr unverheirateter

Bruder watschelt ebenfalls,

wohlwollend gesagt. Was ist

wohlwollend. Alle Menschen

werden Brüder, und die

freistehenden Frauengestalten

senken schnell die Köpfe.

 

 

Drei zu lang geratene junge

Männer, beinahe noch Kinder,

senken die Köpfe und lächeln.

Sie wachsen weiter und hoffen

auf eine gemeinsame Rolle

in einem Kinostreifen, das ist

ihre Zukunft, später werden sie

tatsächlich engagiert und sind

in dem nun bekannten Film die

drei verwegenen Detektiv-Novizen.

 

Ein Glücksfall, ähnlich wie der Fall der

Roten Schwestern, ein Kassenschlager.

 

Die Geschichte der siamesischen

Zwillingsmädchen ist noch brisanter,

erschütternder, und eines der

beiden bin ich, ich bin die linke

abgetrennte Hälfte und wurde kurz

nach der Operation adoptiert,

so kam ich als Kleinkind nach Wien.

 

Leider hatte sich damals ein Urwurm

eingeschlichen, wurde in einer Kiste

aus Taiwan eingeschleppt, eine Urlarve,

die invasive Urlarve entwickelte sich

zum Schmetterling und schwirrt seitdem

herum, breitet sich aus, fälschlicherweise

könnte man das als Nebenereignis

betrachten, aber die Invasion gehört

durchaus zu den Transportgeschichten,

sie steckt im Gepäck, und niemand

wird sie wieder los, wie man sagt.

 

 

Abgesehen davon bieten Adoptionen

kaum je Probleme in der Kindheit,

sodass ich eines Tages meine

beiden Mädchen gefragt hatte,

ob wir einen Waisen aufnehmen

sollten, was sie nicht wollten,

sie waren noch zu jung, zu klein,

ich hätte sie nicht fragen sollen.

 

Etwas später sagten sie, dass sie lieber in einer großen Familie aufwachsen würden, mit sieben Geschwistern, mit siebzehn, und sie fragten sich, ob sie alle mit dem Zug in einer Hafenstadt abholen sollten oder an einem Flughafen mit einem Bus. Aber sie standen auch gerne zu zweit vor dem Spiegel, und da waren sie schon zu viert.

 

Das ist eine Weile her, inzwischen hat sich einiges verändert. Nicht im Spiegel, dort verdoppelt sich alles nach wie vor, aber von einer Goldgräberstimmung wird heute niemand reden, damit ist es aus. Gewinner gibt es sicher auch bei den neuen Gegebenheiten, aber um sich nicht die Haare zu raufen, stellen viele auf den Schlafmodus um.

 

Auf ein Schlafmodell, sagte Winnie bei unsrem Samstagstreffen.

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