Editorial Heft 89

Die Blicke richten sich in diesem Jahr häufiger auf unser Nachbarland Tschechien. Im November begehen Tschechien und die Slowakei den 100. Jahrestag ihrer Eigenstaatlichkeit. Und es wird auch an die Aufbrüche des „Prager Frühlings“ erinnert und dessen gewaltsame Niederschlagung im Sommer 1968. „Ostragehege“ hat diese Ereignisse zum Anlass genommen, einen großen Teil des Heftes der neuen tschechischen Literatur zu widmen: In dieser Ausgabe sind 18 tschechische Autorinnen und Autoren mit Gedichten und Prosastücken versammelt. Die Texte reflektieren auf je eigene Weise die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Lebens und Schreibens heute. Bei einigen Texten hat der deutschsprachige Leser zudem Gelegenheit, allzu Vertrautes aus einer anderen Perspektive, der des tschechischen Nachbarn, neu zu erblicken: So schreibt Jonáš Hájek mit seinen „Sächsischen Gedichten“ über die Leipziger Gegend, und Radek Fridrich ist mit der „Linie S1“ poetisch zwischen Děčín und Dresden unterwegs. Im Gesamtklang ergibt sich ein Bild, das zeigt, wie die poetische Verarbeitung von Wahrnehmungen, Routinen und ihren Brechungen, Konflikten und Leerstellen, Wünschen und Träumen versucht wird: ein kleines, keinesfalls vollständiges, aber wie wir hoffen eindrückliches Kaleidoskop der heutigen Literatur in Tschechien.

In der „Lagebesprechung“ stellt Beat Mazenauer diesmal die Schweizer Lyrikerin Simone Lappert vor: Sie „klärt die konträren Bewegungen nie ganz auf, sie baut die Ambivalenz der Gefühle schichtweise in die Konstruktion ihrer Sprache und Bilder ein.“

„Denn gnadenlos wahr wird die Sprache, // wenn man sie lässt“, schreibt Kurt Drawert, derzeit Dresdner Stadtschreiber, in seinem neuen Gedicht „Alles neigt sich zum Unverständlichen hin“, das wir im vorliegenden Heft präsentieren können. Und mit „Café El Peral“ gibt es von Artur Becker Gedichte, in denen er einen Chile-Besuch verarbeitet: „Unsere Beine und Ideologien hinken und wir sind in diesem Café bloß Kreditkarten / Eine erkennbare Nummer und kein Ersatzrad der Geschichte“.

Der Chemnitzer Maler und Grafiker Jürgen Höritzsch kehrt in seinen Bildern die Richtung von analoger Vorlage zu digitalem Artefakt um: Aus Digitalfotografien entstehen Radierungen. „Immer geht es in der Kunst um die Schwierigkeiten, sich ein Bild zu machen“, schreibt Hans Brinkmann in der Auseinandersetzung mit Höritzschs Arbeiten. „Diesen Schwierigkeiten, von denen viele ein Lied singen können, wird hier ein Lied gesungen.“

Während der Vorbereitung der vorliegenden Ausgabe erreichte uns die traurige Nachricht vom plötzlichen Tod unseres langjährigen Autors Oleg Jurjew. Der 1959 in Leningrad geborene und seit 1991 in Frankfurt am Main lebende Dichter und Romancier, der seine Texte auf Russisch und Deutsch verfasste, starb über der Arbeit an seinem Poem „Von Arten und Weisen“. Aus diesem Werk präsentieren wir Auszüge, die Oleg Jurjew noch einmal als großen Dichter zeigen, der kleinste Beobachtungen des Alltags und feinste ironische Schwebungen in gültige Bilder unserer Zeit zu überführen verstand.

- Die Redaktion -

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