Editorial Heft 85

In seinem neuen Heft wartet OSTRAGEHEGE mit mehreren größeren essayistischen Texten auf. Im Zentrum steht dabei Gregor Kunz’ Homer-Lektüre, die er um die wohl widersprüchlichste Figur der europäischen Literatur kreisen lässt: „Odysseus muss etwas bedeutet haben, etwas Wichtiges, das nicht vergessen, aber nicht mehr zu verstehen, doch neu zu formulieren war." Kunz’ großer Essay, den er bescheiden „Odysseus-Notizen" nennt, ist das Ergebnis einer Spurensuche. Es sind Erkundungen, Umkreisungen und Annäherungen an eine Figur, die sich selbst „Niemand" nannte und die auch in Kunz’ erhellender Mediation unergründlich bleibt.

Ein ausführlicher Essay in dieser Ausgabe ist dem Künstler Hermann Naumann gewidmet, dessen bedeutendes bildhauerisches Schaffen von Horst Zimmermann gewürdigt wird: „Hermann Naumann ist ein universaler Künstler in allen Genres, er setzte sich auch in der Plastik mit unglaublich vielen Themen auseinander und er hat alle Materialien, alle irdenen, steinernen, stählernen und gläsernen für seine künstlerischen Ideen zu nutzen verstanden, ein weites Feld für Entdecker, Sammler und Kenner."

Uwe Kolbe, zur Zeit Dresdner Stadtschreiber, stellt im Gespräch mit Axel Helbig seine sich verändernde Sicht auf das Genie Bertolt Brecht dar. Kolbe kritisiert Brechts „Haltungsschaden" gegenüber der Zensur in der DDR, der von den geistigen Erben Brechts im Osten Deutschlands nachvollzogen worden sei.

Jayne-Ann Igel stellt in der „Lagebesprechung" die Berliner Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Kristin Schulz vor, die ihre Gedichte einer permanent mitlaufenden Sprachkritik unterwirft – „wenn aus Not Notation wird". Neue Gedichte gibt es darüber hinaus von Dorothea Grünzweig, in denen sie berührende Einblicke in ihr Leben gewährt: Beerdigungen im Familienkreis, unwirkliche samische Dörfer, deren Bewohner längst weggezogen sind, Gedichte, in denen die Eschen mit dem Umweg über Grünzweigs neue sprachliche Heimat, das Finnische, predigen können. Sascha Kokot ist nach seinem Gedichtband „Ferner" mit verlassenen poetischen Landschaften vertreten: „ich höre den Sturm an der Stadt zerren / sich am Balkon gegenüber kahl und klar einstimmen". Und von Zsuzsanna Gahse gibt es als Vorabdruck einen Auszug aus ihrem im Herbst bei der Wiener Edition Korrespondenzen erscheinenden, genreübergreifenden Buch „Siebenundsiebzig Geschwister".

Die Ausgabe präsentiert außerdem mit Petr Hruška und Jiří Daníček zwei wichtige tschechische Autoren der Gegenwart, die in Deutschland bislang wenig bekannt geworden sind. Wolfram Malte Fues weist in seinem „Pro memoria" auf den zu Unrecht vergessenen Schweizer Schriftsteller Kuno Raeber hin, der vor 25 Jahren in Basel starb. Raeber verstand „seine Gedichte als Zeugen einer sich rhizomatisch ausbreitenden Sprachkultur", die Städte seiner Romane verdichten sich „zu ‚Jerusalem-Babylon-Rom-Byzanz-Venedig-Manhattan‘, also zu dem, was Walter Benjamin ein ‚dialektisches Bild‘ nennt".

- Die Redaktion -

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