Editorial Heft 81

Er schrieb über „das Land, an dem er litt, weil es ihn ausgrenzen wollte, politisch, wegen widersetzlichen Charakters, moralisch wegen Liebe zum gleichen Geschlecht, und eben überhaupt, weil er schrieb und zeichnete, was die Behörde lieber beschlagnahmte und in Akten verschloss, als es der Öffentlichkeit preiszugeben.“ – so sagte es Gerhard Wolf in seiner Laudatio auf den Leipziger Dichter Andreas Reimann, mit dem Axel Helbig im neuen OSTRAGEHEGE ein ausführliches Gespräch führt („Aus dem Bewusstsein der Sterblichkeit seine Kraft ziehen“). Die Redaktion gratuliert Andreas Reimann zum 70. Geburtstag, den er am 11. November begehen wird und widmet dem Dichter gemeinsam mit dem Sächsischen Literaturrat eine Festlesung am 30. November (siehe Anzeige) im Dresdner Landhaus.

Politische Zusammenhänge stehen auch im Mittelpunkt der Erzählungen von Jorge Sagastume. Der seit Jahrzehnten in den USA lebende argentinische Schriftsteller schrieb über die Verhängung der Militärdiktatur in Argentinien vor 40 Jahren, die er damals, als Siebzehnjähriger, miterlebte. Utz Rachowski hat diese oft bestürzenden Texte für OSTRAGEHEGE aus dem Englischen übersetzt.

Und noch ein dritter Beitrag kreist um diktatorische Themen. Luka Tuvalus Erzählung „Passieren“ entwickelt anhand einer willkürlichen Grenzziehung ein mehr und mehr surrealistisches Szenario, das immer groteskere Formen annimmt und kollabiert.

Mit Birgit Kreipe, Jane Kenyon, Kerry Shawn Keys, Uljana Wolf und Gregor Kunz geben starke Dichter mit ihren Texten dem Heft seinen Klang. Insgesamt kommen 16 lyrische Stimmen im neuen OSTRAGEHEGE zu Wort.

Dokumentiert wird die Vergabe des Chamisso-Preises 2016 an Uljana Wolf. „Ihre Gedichte“, sagt der Laudator Michael Braun, „sind keine Gebilde, in denen Sprache selbstverständlich zur Verfügung steht und geschmeidig als Vehikel genutzt und dienstbar gemacht wird. Ihre Gedichte entstehen im Gegenteil aus einer Unsicherheit, aus einer Störung der Sprachgewissheit, aus einem fundamentalen Sprachzweifel. Der Störfall in der Rede, das Stolpern in eine Fremdheit ist die Urszene dieser Dichtung.“

In der Lagebesprechung stellt Bertram Reinecke den Dichter Alexander Kappe vor. Auch Kappes Gedichte speisen sich aus Sprachzweifel und Fremdheitsempfindungen. „Der ungewohnte Eindruck seiner Texte kommt eher von der unerwarteten Mischung der Verfahren, Vokabulare, Bildspender, dem oft plötzlichen Auftreten von Querständigem in einer bereits durchschaut geglaubten Logik der Wörter. Dies ist etwas, was viele gepflegte Leser stört.“ (Bertram Reinecke).

Künstlerisch eingefasst wird das neue Heft von dem in Coswig bei Dresden lebenden Maler Michael Horwath, der uns „Bildworte vom Licht“ (Jördis Lademann) bringt.

- Die Redaktion -

Zurück zur Startseite