Editorial Heft 80

Dass die Reflexion über die Bedingungen von künstlerischer Produktion auf kurzem Weg zu gesellschaftlichen und politischen Fragen führt, wird man kaum bestreiten. Das vorliegende OSTRAGEHEGE versammelt eine Reihe von Texten, die auf unterschiedlichen Ebenen auf aktuelle Entwicklungen in Politik und Gesellschaft Bezug nehmen.

Petra Magdalena Kammerers Erzählung „Aleppo“ ist eine Nahaufnahme der Zustände aus dem umkämpften Kriegsgebiet in Syrien und der möglichen und unmöglichen Formen, in dieser zerstörten Stadt zu leben. Die Erzählung „Ifra scheut die Erde“ des deutsch-iranischen Autors SAID stellt die Kehrseite von Krieg und Flüchtlingselend vor: die ungestörte Welt der Mittelmeerkreuzfahrt, immer zwischen Haifa und Larnaka auf Zypern, pendelnd, „heiter und erinnerungslos“. Kurt Drawerts Auszug aus seinem Langgedicht „Der Körper meiner Zeit“ ist eine kritische Einlassung zu unmittelbaren Web-Kommentaren auf die Anschläge von Paris Ende letzten Jahres und deren Schraube aus hohltönender Betroffenheitshysterie.

Mit starker innenpolitischer Spitze erinnert der Schweizer Dominik Riedo in seinem Essay „Der Staat voll Ignoranten“ an die hierzulande wenig bekannte „Fichenaffäre“: Ende der 1980er Jahre war bekannt geworden, dass der Schweizer Staatsschutz über Jahrzehnte hin mehr als 900.000 Schweizer Bürger observierte und dazu „Fichen“, also Karteien, anlegte. Und das in einem Land, das als besonders demokratisch und bürgernah gilt –, über einen Zeitraum von wechselnden Regierungen, bis heute, getragen von einem sich offenbar gleichbleibenden Beamtenapparat.

Bertram Reinecke übernimmt für die kommenden vier Ausgaben die „Lagebesprechung“. In diesem Heft stellt er den in Buenos Aires lebenden deutschsprachigen Dichter Léonce W. Lupette vor, dessen Texte auf der Suche nach einer Sprache sind, „die nicht der nationalen oder ethnischen Zuschreibung von Identität dient, […] die sich zwischen Sprachen bewegt, auf Fremdes zu, ohne die Selbstfremdheit zu leugnen. […] In einer Welt“, so Lupette, „in der die politisch-ökonomischen Zurichtungen alle Lebensbereiche durchdringen, und in der das Gros von Gegentendenzen ressentimentgeladen und protofaschistisch ist, bricht die Sprache neu auf. Und zwar nicht im Sinne einer Entgrenzungs- und Selbstermächtigungsphantasie, im Gegenteil. Vielmehr stutzt sie ständig angesichts der Grenzen, die sie antrifft und die sie sehr ernst nimmt, während sie zugleich auf Fühlung geht.“ Wir wünschen den Lesern des neuen OSTRAGEHEGES fruchtbare Anregungen, mit der Literatur, der Sprache „auf Fühlung“ zu unserer Zeit zu gehen!

- Die Redaktion -

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