Editorial Heft 64

Woran erweist sich Zeitgenossenschaft? Ist es der Tag der Geburt, der möglichst nahe an der Gegenwart zu liegen hat, der am besten gestern war oder heute ist? Vielmehr scheinen es aber die Fragen zu sein, die fort existieren, die schon vor hundert Jahren oder früher aufgeworfen wurden, Fragen, die unbeantwortet blieben und denen sich neuere zugesellten. Fragen, die als Formen Bestand haben. Wahrscheinlich sind Literatur und Kunst, nicht der Raum, in dem diese Fragen beantwortet werden, aber sie schwingen mit in ihren Bildern und Texten.

Man kann guten Rechtes behaupten, dass die Geschichte Europas eine von Flucht und Vertreibung sei, und in der Literatur wurde und wird Zeugnis davon abgelegt. Dieser Literatur als kollektivem Gedächtnis fühlen wir uns verpflichtet, und so finden sich Arbeiten von Mile Stojić, Birgit van der Leeden,  František Listopad, dem in Lissabon lebenden Doyen der Tschechischen Literatur und Verica Tričković in der aktuellen Ausgabe.

Genauso gut aber ist die Geschichte Europas auch eine der Annäherung und Übersetzung. Eine Geschichte der Völkerverständigung und Liebe zum Fremden. Und auch diese Seite liegt uns am Herzen.

Im vorliegenden Heft sind Texte versammelt, die in den letzten einhundertfünfzig Jahren in Europa geschrieben wurden. Texte von Neugier und Furcht. Zeugnisse jenes Sprachgewirrs, dass unser „gemeinsames Haus Europa“ durchzieht, ein Haus, das derzeit im Schatten der Finanzkrise als zerfallendes Bankhaus erscheint, aber über eine spannende Literatur verfügt, die letztlich mehr Fundament ist, als eine gemeinsame Währung.

Die Spanne unserer Ausgabe reicht von Cyprian Kamil Norwid über Jiří Orten, Marina Zwetajewa, Edmond Jabès, Keith Barnes, Franz Hodjak und Marica Bodrožić bis hin zu neuester Dichtung aus Sachsen. Zumindest also über Mitteleuropa und die letzten hundertfünfzig Jahre.  Aus dem nicht ganz so fernen New York wird von Kurt Drawert ein Schlaglicht auf das Ganze geworfen.

Ulrike Almut Sandig richtet von dieser Ausgabe an den Blick auf  Tendenzen der Jungen deutschsprachigen Lyrik.  Hier stellt sie den zurzeit am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel / Bienne studierenden Dichter Levin Westermann vor. 

Im Heft finden Sie Fotografien von Helga Luzens, der wir auf diesem Wege  zum 70. Geburtstag gratulieren.

Und wir wünschen dem Leser eine anregende Lektüre.

- Die Redaktion -

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