Editorial Heft 83

OSTRAGEHEGE gedenkt des am 1. Juli 2016 verstorbenen Doyen der französischen Poesie Yves Bonnefoy. Der 93-Jährige war einer der bedeutendsten Dichter der Gegenwart. Yves Bonnefoy, den eine enge Freundschaft mit Paul Celan verband und der als Essayist bedeutende philosophische Beiträge verfasst hat, verfolgte das aktuelle politische Geschehen sehr wach. Einen Beitrag dazu könne die Poesie jedoch nur auf anderer Ebene leisten: „Die Dichtung […] muss in die Urgründe herabsteigen, um die grundlegenden Tatsachen des Wesens auf der Welt – die Beziehung der Männer, der Frauen, die zu den Bergen, den Bäumen, den Flüssen, zu all dem, was den Horizont einer weit und frei atmenden Existenz errichtet – erscheinen zu lassen. Das wäre die wirksamste Art, die Demokratie […] aufs Neue zu begründen.“ Mit OSTRAGEHEGE verband ihn zuletzt eine intensive Zusammenarbeit. Una Pfau berichtet darüber und stellt Übertragungen aus Bonnefoys letztem Gedichtband „Ensemble encore“ vor.

Paul-Henri Campbell präsentiert den in Chemnitz arbeitenden Künstler Michael Morgner. In den 70er und 80er Jahren Mitglied der legendären Künstlergruppe Clara Mosch, ist er zugleich ein Kronzeuge für das noch immer schwelende Streitthema deutsch-deutscher Kunst-Avantgarden. Campbell kritisiert in seinem Essay, dass in der gesamtdeutschen Kunstgeschichtsschreibung die Auseinandersetzung mit der innovativen Potenz der ostdeutschen Avantgarden nicht ausreichend stattfindet und ein politischer Diskurs den Blick auf künstlerische Parallel- oder Synchronentwicklungen im deutsch-deutschen Kontext verstellt. „Sooft man die Kunst aus der DDR auf ihre Stellung zum Staat befragt, vergibt oder verschenkt man zugleich die Chance, sie nach ihrer ästhetischen Eigendynamik zu befragen. […] Aber es ist 2017. Und es wird Zeit, nicht über den Dünger und die Umzäunung, sondern über die Blumen zu sprechen!“

Der Dresdner Dichter Uwe Nösner hat neben seinem lyrischem Werk mehrere Bücher zu religionsphilosophischen Themen veröffentlicht. Diese stehen im Zentrum des Gesprächs mit Axel Helbig. Nösners Zwischenruf „Die gescheiterte Reformation“ (2015) versteht sich weder als Kritik noch als Beitrag zum diesjährigen Reformationsjubiläum. Nösner untersucht das „dreifache Scheitern“ der Reformation, gemessen an deren eigenen urreformatorischen Zielstellungen. In seinem 2017 erschienenen Werk „Die Geschichte der theosophischen Ideen“ schlägt Nösner einen Bogen von der Mystik der Upanishaden bis hin zu Rudolf Steiners Anthroposophie.

In seiner abschließenden Lagebesprechung stellt Bertram Reinecke den Dichter Titus Meyer vor. Dessen Palindrom-Gedichte gewinnen ihre poetische Energie aus einer bis in die atomisierte Buchstabenfolge hinein determinierten strengen Form und eines daraus neu aufscheinenden Sinns. Beim Schreiben von Palindrom-Gedichten werde man, wie Titus Meyer in seiner Poetologischen Notiz schreibt, „als Autor zur reinen Feder, mit der man den gesamten Sinn abklemmt und zum Platzen bringt, sodass der Sinn in Bereiche schießt, die tief im Unterbewussten liegen [...] nicht die radikale Lockerung, sondern umgekehrt, die radikale Einengung [lässt] ein Höchstmaß an Freiheit entstehen“.

Die Redaktion dankt Ulf Großmann sehr herzlich für seine langjährige überaus wertvolle Arbeit als Redakteur von OSTRAGEHEGE. Als neuen Redakteur begrüßen wir Patrick Wilden.

- Die Redaktion -

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