Editorial Heft 86

Das vorliegende Heft spannt literarisch weite Bögen. OSTRAGEHEGE sieht sich als Vermittler zwischen den Literaturen und Kulturen, und pflegt vielfältige Kontakte zu Übersetzern und Institutionen in Europa. Uns interessiert, was es Vielversprechendes in der Jungen Szene gibt, aber auch, welche literarischen Entdeckungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu machen sind. Noch viel weiter zurück schaut Viktor Kalinke mit seiner Neuübersetzung des großen chinesischen Weisheitsbuches „Zhuangzi“ (um 300 v. Chr.), das wir in Auszügen als Vorabdruck präsentieren.

Dass selbst moderne „Klassiker“ dem deutschsprachigen Leser ganz oder in Teilen noch nicht erschlossen sind, ist immer wieder zu bemerken. So ist das Briefwerk des großen französischen surrealistischen Dichters Max Jacob bislang noch nicht auf Deutsch veröffentlicht, eine Auswahl von Briefen, Dokumente zu seiner Poetologie, hat jetzt Una Pfau übersetzt und kommentiert.

Mit Louise Bogan, Lola Ridge und Edna St. Vincent Millay stellt Klaus Bonn drei amerikanische Lyrikerinnen aus dem frühen 20. Jahrhundert vor, die in Deutschland bis dato weitestgehend unbekannt waren; der Text „Die Allee“ von Lola Ridge ist zudem die erste Veröffentlichung eines ihrer Texte in deutscher Übertragung. Francesco Micieli macht mit der in Deutschland noch zu entdeckenden jungen italienischen Dichterin Valentina Colonna bekannt.

Auch in diesem Heft gibt es wieder einen Länderschwerpunkt. Stefan Wieczorek übersetzte für uns Texte von zwei jungen niederländischen Autoren, Ester Naomi Perquin und Joost de Vries. In seiner Essay-Erzählung „Wie man einen Eisbären erlegt“ nimmt de Vries eine Fahrt in die Arktis zum Anlass für Reflexionen über den Zustand unserer Gesellschaft.

Einen weiteren Schwerpunkt des Heftes bilden Texte zum Themenkreis „Flucht und Vertreibung“. Zu Beginn stehen die Gedichte von Cyprian Kamil Norwid (1821–1881) und Maram el-Masri (geb. 1962) nebeneinander, beide haben Paris als Exil gewählt und denken in der Ferne an die zurückgelassene Heimat. Gabriella Kinda nimmt in ihrem Essay den Flüchtlingsroman des aus Rumänien stammenden ungarischen Autors Zoltán Böszörményi „In den Furchen des Lichts“ zum Ausgangspunkt, um die Heterotopie des Flüchtlingslagers im 20. Jahrhundert zu vergegenwärtigen, einem Unort, der leicht verdrängt und vergessen zu werden droht. Cornelia Eichner widmet ihren Text „Das Puppenkleid“ jenen Menschen, die in Dresden Begegnungen von Geflüchteten und Einheimischen organisieren und so zum Verständnis von Hintergründen heutiger Migrationsbewegungen beitragen.

Tanja Pohl bereichert das neue OSTRAGEHEGE mit ihren Bildern, Grafiken und Zeichnungen. Ihr umfangreiches Werk ist „ausgespannt zwischen Welt und Provinz, Nähe und Ferne, Gegenstand und Abstrakta“ (Heinz Weißflog): „Das Gefühl der Wurzellosigkeit des Raumes zwischen Naturzerstörung und technischem Konstrukt bestimmt ihre apokalyptischen Bilder, die schroff und zerklüftet, sperrig und wie gespenstig-fremde Industriemonster erscheinen.“

Dass Kunst auch etwas ist, worin man sich selbstvergessen verlieren kann, und doch zugleich vollkommen aufgehoben ist, zeigt Jiří Orten in seinem Gedicht „Weißes Bild“, das Urs Heftrich dankenswerterweise für uns übersetzt hat. „Dezember, reich an Gaben. In verschneiter Weite, / Palette in der Hand, stand jemand auf der Flur. / Es schneite in sein Malen, schneite, schneite / Er wusste nicht, er malte nur.“

- Die Redaktion -

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