Editorial Heft 79

Kernstück des neuen OSTRAGEHEGE ist das umfangreiche Dossier „Neue Texte aus Flandern und den Niederlanden“. Die vorgestellten Texte, ob Poesie oder Prosa, sind alle doppelbödig und überraschend. Beide Prosatexte führen nach Belgien, beide Male in der Perspektive niederländischer Autoren. Die Prosa-Miniaturen des Lyrikers Frans Budé (geb. 1945) sind miteinander verbunden, einmal als Erinnerung, dann als Traum. Joost de Vries (geb. 1983) schickt seinen Erzähler nach Waterloo, um dort mit Gleichgesinnten die Schlacht von 1815 nachzuspielen und sich der Historie zu nähern, Geschichte körperlich zu erleben – um schließlich eine ganz andere Geschichte aufzuwecken.

Der Geschichte widmen sich auch die grafischen Arbeiten von Gregor Kunz. Informelle Farbcollagen werden mit transparenten Fotomontagen konfrontiert und verbunden. Seit 2011 entstehen so große mehrteilige Arbeiten und Bilderzyklen, eng verbunden mit den eigenen Texten, mit den sehr alten Geschichten der Griechen (etwa Homers Odyssee) und der neueren, der neuesten Geschichte. „Die Bilder von Gregor Kunz sind ein fast halluzinativ geformtes Zurückholen von sehr Altem in Gegenwart, ein Anverwandeln, Wiederherstellen; es ist gerade dieses unerwartete Rekonstruieren, Kombinieren, Neuformieren, was den Reiz, den Stil, den eigenen Rang seiner Arbeit ausmacht.“ (Hubertus Giebe).

Homer begegnet der Leser auch in dem Interview, welches Axel Helbig mit dem Autor, Übersetzer und Komparatisten Raoul Schrott zu den Quellen der frühesten Texte der europäischen Literatur geführt hat. Die Bibel, Homers Ilias und die Theogonie Hesiods, sagt Schrott, „kommen aus dem gleichen kulturellen Umfeld, wo verschiedenen Kulturen – die hethitischen Kulturen, die semitischen Kulturen, das Assyrische, das Phönizische und das Ägyptische – aufeinander einwirken. Die Griechen vor allem, die sich in einer völligen Randstellung befunden haben, versuchten, es diesen Hochkulturen gleichzutun. Daraus entwickelt sich dann das griechische Wunder, welches in den Philosophen Platon und Aristoteles gipfelt. Das war ein Assimilierungsprozess, der sich über 300 Jahre hinweg vollzogen hatte, ehe das eine Eigendynamik entwickeln konnte.“ Schrott befasst sich als Komparatist seit Jahrzehnten mit diesen alten Mythen. Seine Übersetzungen haben jedoch nicht selten den Protest der Altphilologen heraufbeschworen. Schrott entgegnet: „Eine Übersetzung kann zweierlei sein: akademisch oder literarisch. Eine akademische Übersetzung erklärt das Gedicht wie eine Art Rezept – diese und jene Inhalte sind so und so zusammengebaut. Erst eine literarische Übersetzung – mit den Mitteln der Sprache hier und jetzt – muss diese Ingredienzien jedoch wieder in eine Form umsetzen. Die Sprache in einem akademischen Zustand zu belassen, würde uns lediglich einen wissenschaftlichen Zugang verschaffen. Das Gedicht als Konstrukt, als Form, als Sprache, als Diktion, muss erst wieder realisiert werden. Das heißt, man muss dieses Gedicht nicht nur aus der geografischen zeitlichen Ferne übertragen, aus einem Kulturhorizont von vor 5000 Jahren, sondern es auch neu realisieren, in einer anderen Sprache.“

Jan Kuhlbrodt stellt in der Rubrik Lagebesprechung mit Yevgeniy Breyger nun bereits den vierten Lyriker vor. Breyger, sagt Kuhlbrodt, ist „mit allen rhythmischen Wassern gewaschen. Er kennt die Zahl. Fast wirken die Texte wie eine kabbalistische Beschwörung. Mystik, die sich ins Absurde wendet, aus dem Absurden aber auch wieder heraus.“

Mit dieser Ausgabe verabschieden sich Jayne-Ann Igel und Jan Kuhlbrodt aus der Redaktion. Beide widmen sich hinfort wieder stärker eigenen Projekten. Die Redaktion – in die ab sofort Ulf Großmann zurückkehren wird – dankt ihnen herzlich für ihre kreativen Imulse.

- Die Redaktion -

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