Editorial Heft 82

„wie, wo und wann demonstriert man / sicherheit im auftreten, nicht zu ver- / wechseln mit auftrumpfen, vulgo / auf den putz hauen?" fragt Wulf Kirsten in einem seiner Gedichte, mit denen das neue OSTRAGEHEGE eröffnet wird.

Der Zusammenhang von Flucht und Vertreibung, der in den Entwicklungen unserer Zeit wieder neue Aktualität erlangt, ist ein zentraler Schwerpunkt dieses Heftes. Die damit verbundene Frage nach dem Fremden, dem Fremdsein und dem Umgang mit dem Fremden hat der Schweizer Autor Francesco Micieli ins Zentrum seines Werkes gestellt. 1956 im süditalienischen Kalabrien als Angehöriger einer albanischen Volksgruppe geboren, ist Micieli später Teil der italienischen Minderheit in der Schweiz, wo er seit 1965 lebt. Das Fremdsein als Schicksal, als Chance, sogar als allgemeines Recht zu begreifen, ist Micielis zentrales Anliegen: „Jeder hat das Recht fremd zu sein", zitiert er den von ihm bewunderten Dichter Edmond Jabès. Im Interview mit Axel Helbig macht Micieli weiter deutlich, wie zentral Fremdheitserfahrungen für das Schreiben, und man darf wohl ergänzen, ebenso für das bewusste Lesen, sind: „Man begibt sich durch das literarische Schreiben in eine Art Fremdheit, schon weil die Sprache, die sich im Schreiben ereignet, von der Alltagssprache abweicht, gebrochen wird […]. Wer diese Sprache und diese Art des Denkens braucht, macht eine Fremdheitserfahrung. Mit etwas Übertreibung könnte man tatsächlich sagen, dass jeder literarisch Schreibende ein Fremder ist."

Die Texte von Eva Sturm, Sarah Rehm, Henryk Grynberg, Verica Tričković und Reiner Neubert kreisen ebenfalls um diese Thematik. Eva Sturm verweist in ihrem Beitrag auf die Bedeutung der Literatur im kollektiven Gedächtnis: „Literatur nimmt in diesem Prozess der Erinnerung eine wichtige Rolle ein. Sie ist ein Wissensspeicher unserer Gesellschaft […] ein Speicher menschlicher Erfahrungen."

Patrick Beck geht in seinem Essay „In Händen denken" einer synthetischen Denkform nach, die die Bedeutung eines Zeichens, eines Textes, einer Musik nicht analytisch aus seinen Teilen auffasst, sondern aus dem Ganzen, einem komplexen Gewebe, das nicht auf die Summe seiner Teile zurückzuführen ist. Demgegenüber argumentiert Bertram Reinecke in seinem Text „Concetto der Bescheidenheit" zur Lagebesprechung, in der in diesem Heft Tobias Roth vorgestellt wird, gegen einen Substanzialismus der Bedeutung ermögliche, die der Dichtung innewohne.

Der Kunstteil des neuen OSTRAGEHEGE stellt diesmal nicht einen einzelnen Künstler ins Zentrum der Betrachtung, sondern die Städtischen Sammlungen Freital, deren 25-jähriges Bestehen in diesem Jahr gefeiert wird. Harald Marx, der langjährige Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, sagt dazu: „Man kann die Stadt Freital nur beneiden um dieses Museum und die Arbeit, die hier geleistet wird. Man kann die Stadt Freital nur beneiden um all die Ausstellungen, die eigentlich in Dresden hätten stattfinden sollen." Für die Redaktion war dies ein willkommener Anlass, diese Sammlung mit ihren bedeutenden Werken, die für viele Kunstfreunde noch zu entdecken ist, vorzustellen. Der Künstler Hubertus Giebe und der Schriftsteller Uwe Tellkamp betonen in ihren Texten die Singularität dieser Sammlung, die „Dresdens ,bahnbrechende Kunstszene‘ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (…) eindrucksvoll widerspiegelt" (Giebe). Allen voran Otto Dix mit seinem expressiven „Selbstbildnis als Mars". Uwe Tellkamp schreibt über seine Entdeckung dieser Sammlung und hebt weitere Bilder hervor – u. a. von Curt Querner, Willy Kriegel, Fritz Max Hofmann-Juan, Irena Rüther-Rabinowicz und Hubert Rüther, der Goppelner Gruppe um Carl Bantzer, schließlich Arbeiten aus den letzten Jahrzehnten u.a. von Wolfgang Petrovsky, A. R. Penck, Reinhard Springer, Siegfried Klotz und Peter Graf. „Wer Dresdner Kunst sehen will", so Tellkamp, „muß nach Freital fahren (…)."

- Die Redaktion -

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